Mongolei - Weite und Tiefe


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2. Tag (8. Juli 2006): Ulaanbaatar - Ogiy-See



sms-einträge aus Ulaanbaatar:
Letzte Einkäufe. Es ist um 9 Uhr morgens schon sehr warm... Mit voll bepacktem Auto, aber trotz sieben Stunden Zeitunterschied durchschlafener Nacht sind wir in UB unterwegs. Gaskartuschen fehlen noch, und Onos Verwandschaft wünscht sich Gummibärchen.

Das Abendessen gestern unter erschwerten Bedingungen: wir haben Bouillon mit Nudeln auf dem Herd, doch der funkt nicht. Nun wissen wir, wie sowas wird, wenn Du Nudeln gar zu kochen versuchst, wenn du Wasserkocherwasser drübergiesst und dann vertrauensvoll hoffst, immer wieder...
8.7.06 13:35


bisher 4 Kommentar(e) TrackBack-URL


Martha (8.7.06 16:25)
eigenartig - du in der Mongolei und ich hier. Für dich ein ganz anderes Leben und für mich geht alles seinen geregelten Lauf.Und doch, immer wieder wenn ich hier reinschaue, begegnet mir wieder etwas neues, das ich bis noch nicht kannte. Häb der Sorg,

Martha


Engelbert / Website (8.7.06 16:28)
Hallo Thinkabout ... liebe Grüße aus der Pfalz. Bei uns scheint die Sonne, es ist warm und alles schön grün. Fast wie im Urlaub *gg*.


Tina (8.7.06 23:15)
Ich schaue gerade Fußball! Da sagt der Kommentator so salopp: "Das Bild wird morgen weltweit in allen Zeitungen zu sehen sein"...

Und da hab ich ja ein bißchen so meine Zweifel!
Es kommt vielleicht noch dicker als wir ahnen:
Länder ohne Webcams haben vielleicht noch nicht mal morgens eine Bildzeitung!

Oder wirft ein mongolischer Reiter die gezielt in die Jurte eines fußballinteressierten Schweizers? Siehste! ;-)

Liebe Caro, hier wird für unseren Sieg Feuerwerk abgefackelt, und ich bin sicher, Thinkabout freut sich riesig mit uns,wärst Du bitte so nett eine winzige SMS loszuschicken mit "Deutschland-Portugal 3:1"

Dankeschön!


Tina (9.7.06 09:56)
Ha!! Ich habs ja gewußt!

Jetzt sitz ich hier beim Frühstück "Hahnenschrei" mit Echt-Nutella ;-) und Automaten-Kaffee und frage mich, wie Ihr das durchstehen wollt, so gänzlich ohne die Klinsi-Ausschneide-Maske der bunten Zeitung durch den Tag zu kommen....

Das wird nicht einfach werden, wäre man jetzt in Rimini....
Na gut, ich will ja auch nicht als auf den ollen Kamellen rumreiten....Passiert ist passiert....

Auch enthält man Dir die (lebens)wichtige Information vor: "Ab morgen zählen wieder andere Bälle ;-))"!
Ob ich Caro nochmal bitten soll, Dich nicht allein im Dunkeln stehen zu lassen, und noch eine winzige SMS diesbezüglich...? Nein, Du wirst es merken!

Lieber Thinkabout, ist alles nur ein Späßchen! Du verpasst hier wirklich nix! Meine Freude über das gewonnene Spiel gestern und den schönen Tag heute schwappt nur gerade über. ;-) Und Du darfst diesen wertvollen Beitrag sofort nach dem Schmunzeln auch sehr gerne wieder löschen!, weil er nicht wirklich was im Mongolei-Bolg verloren hat.

Eine große Portion Lebensfreude verteil ich mal an Deine Leser hier, und den Rest schicke ich Euch rüber! Allen einen schönen Sonntag!

Aber der Bericht zu dem Spiel gestern - aus Deiner Perspektive betrachtet - fehlt mir tatsächlich! Man gewöhnt sich eben schnell an Schönes!

sms: 08.07.06

Alles sammelt sich zum Naadam-Fest / Ruinen, die von gestern sein könnten / ein Gewitterregen verwandelt Strassen / Abendspaziergang an rauher See



Ich schlafe trotz der Zeitverschiebung ausgezeichnet und vor allem durch. Als hätte mein Körper eine sehr genaue Vorstellung davon, dass er für längere Zeit kein ähnliches Bett mehr vorfinden wird...

Um neun Uhr haben wir die Schlüssel abgegeben, die Rechnung bezahlt - und wir sitzen tatsächlich im gepackten Auto, ohne dass Thomas den Rest hinterher tragen muss. Wir sind vollgepackt. Aber natürlich nur nach westeuropäischer Gewohnheit. Für Mongolen wäre die Sitzbank halb leer, wo wir hinten zu dritt sitzen. Das ist recht komfortabel. Zumindest dann, wenn ich mangels Kopffreiheit in der Mitte sitze, und Ono und Thinkabouts Wife an den Fenstern. Ono sitzt dabei auf dem abklappbaren "Notsitz". So wirkt er zumindest auf mich, denn die Rücklehne gibt nur bei geschickter Bepackung des Rückraums genügend Halt. Aber für Ono scheint alles okay, und in der Tat werden wir die Plätze fast nie wechseln.

Es fehlten noch Gaskartuschen - und Onos Familie braucht noch Gummibärchen. Die bringen wir der Schwester in die Bank, wo die ausgebildete Biologin arbeitet. Im schickem Einheitslook der Bankangestellten kommt sie uns auf dem Parkplatz entgegen. Der Rock akurat geschnitten, in eleganten Pumps, die Bluse blütenweiss. Der Businesslook scheint ihr Sicherheit zu geben, so dass sie ihre sympathische Scheu gar so weit ablegt, um uns auf englisch eine gute Reise zu wünschen.
Die jüngeren Mongolen lernen in der Schule heute fast alle englisch, zumindest als zweite Fremdsprache nach russisch. Aber es ist ihnen kaum ein englisches Wort zu entlocken. Die Angst, Fehler zu machen, scheint sehr stark zu sein. Praktisch alle schreiben denn auch sehr besser in der jeweiligen Fremdsprache, als dass sie sprechen.

Auf der Fahrt aus der Stadt fasziniert der Gegensatz zwischen hohen Glaspalästen, die als Zeichen der Moderne aus den Fundamenten schiessen, während dazwischen auf einem hohen Hügel unzählige Jurten weiss glänzend die Morgensonne reflektieren. Fährt man aus der Stadt, so dauert es nicht lange, bis sich die Landschaft vor einem ausbreitet, die Grasflächen werden weit und steigen an den Hängen in sanft geschwungene Berge auf. Viele Giebelzelte mit bemalten Symbolen säumen unseren Weg: Pferdezüchter auf dem Weg zum grossen Rennen zum Naadam-Fest. Da und dort sieht man deren Zuchtstolz auf der Weide galoppieren. Keine Zäune weit und breit. Zitternde Pferdeflanken, helles Wiehern, da ein stolzer Kopf, der die Nüstern in den Wind hält. Und so mancher Schweif ist in der Mitte schon zusammen gebunden, so wie es typisch ist für viele Rennpferde.

Meine Augen gleiten auch über unzählige recht stattliche Schafherden: Khuschur und Buuts - Schaffleisch im im Öl frittierten Teig oder in gedämpften Teigtaschen - traditionelle Verpflegung rund um das grösste Volksfest der Mongolen.

Doch wir fahren weiter. Ulaanbaatar wird dieses Jahr noch mehr überfüllt sein als sonst. Das Naadam-Fest aber wird in jedem grösseren Dorf gefeiert. An den Ausfallstrassen aller grösseren Ortschaften und auf jeder Anhöhe steht ein Owo. Ein Steinhaufen, den man vor jeder grösseren Reise drei Mal im Uhrzeigersinn umrunden sollte, um dabei bei jeder Runde einen Gegenstand auf den Haufen zu werfen.

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Was einmal da liegt, sollte, ja darf nicht entfernt werden, es sei denn, man befände sich in einer gesundheitlichen Notlage. Krücken dürfen weg und mit genommen werden. Und so findet wieder Verwendung, was ein anderer dankbar nach überwundener Mühsal abgelegt hat.

Was wird uns geschehen? Welche Hindernisse und Schwierigkeiten werden wir überwinden müssen? Das Auto ist gut, kein Zweifel. Aber die Strassen sind es bestimmt nicht...

Schon bald fällt uns auf: Die Weiden sind grün. Es muss sehr viel mehr geregnet haben, als wir das von 2002 kannten. Und auch jetzt ist der Himmel bewölkt und grau.

Ein grüner Sommer ist ein guter Sommer.

Von Zeit zu Zeit leuchtet eine Jurte am Horizont, als wäre sie am Himmel aufgehängt, und als Silhouette, wie festgeklebt am Boden, stehen gesattelte Pferde am gespannten Seil.

Wir besuchen eine Ruine,

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dessen Namen mir leider entfallen ist. Sie soll aus dem 15./16. Jh. stammen (Kharbuch?, der Name soll "der schwarze Bulle" bedeuten). Die Steine wirken so sauber und flach auf einander gelegt, als wäre gestern die Rekonstruktion fertig gestellt worden... Wir machen kurz Picknick und schauen, dass wir weiterkommen. Ein Gewitter kündigt sich an, und als es sich entlädt, werden die Fahrrinnen links und rechts der Mittelnase rasch zu kleinen Rinnsalen, dann zu Bächlein. Kein Fahrer fährt gerne durch Wasser, denn dann fährst Du immer "blind" und weisst nicht, ob nicht ein scharfer spitzer Stein Ungemach verspricht, oder ein überschwemmtes Schlagloch. Also fahren wir in Kurven Umwege durchs Gras. Der Boden ist zum Glück nicht so aufgeweicht, dass wir häufig stecken bleiben. Nur einmal müssen wir zurücksetzen, bevor sich die Räder im Schlamm eingraben. Während sich der graue Himmel im stehenden Wasser in den Fahrbahnen spiegelt, suchen alle ihren Rhythmus. Baktar muss genau so seinen Rhythmus beim Fahren finden wie wir beim Beifahren. Auch wenn Du nur sitzt: Du kannst Dich gegen die Pumps und das dazu gehörende Schütteln wehren oder nicht - und nicht immer ist die gleiche Strategie erfolgreich, um weniger zu ermüden...

Immer wieder geht unser Blick auch nach oben, wo sich selbst jetzt der Himmel weitet. Die Wolkenbilder, die sich über die Landschaft spannen, wechseln immer wieder, als würde der Wind den Himmel bemalen wollen.

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Nach achtzehn Uhr, nach mehr als acht Stunden Fahrt, treffen wir am Ogiy-See ein, gerüttelt und geschüttelt.

Es geht ein rauher Wind. Leider sind die Jurten im Camp alle belegt. Aber ein Holzhaus ist frei, das genau so im Rundbau angelegt ist wie ein Ger. Es gibt sogar Strom. Auch wenn das die nackte Glühbirne, die von der Decke hängt und entlang der das Regenwasser auf den Boden tropft, nicht unbedingt verspricht...

Ein bisschen Rumoren auf dem Dach und das Tropfen wird weniger. Wir machen Feuer im Ofen und Kochwasser auf dem Gasherd. Die Wärme in der Hütte ist gemütlich. Danach zieht es Thinkabout with Wife und Thomas hinaus. Der See scheint recht gross zu sein. Es geht eine steife Brise und das Strandgut ist fast so vielfältig wie an einem Meeresstrand. Meine Frau findet eine Riesenmuschel, und, als zusätzliche Besonderheit, einen recht grossen Süsswasserschwamm.

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Ein paar leicht verlotterte Pedalos stehen am Strand und leuchten in der Abendsonne. Auf dem Rückweg zum Camp finden wir gar ein Gewächshaus, das in bestem Zustand ist- es wird ein seltener Anblick bleiben. Hier gibt es für das Gemüse über die Jahreszeiten hinweg regelmässig und ausreichend Wasser.

Die Schatten werden von der Dämmerung verschluckt, und es zieht uns unter die Bettdecken. Schon kurz nach dem Lichterlöschen zersägt das regelmässige, tiefe Schnarchen von Thomas die Stille, doch ich finde sie schnell in meinem eigenen Schlaf wieder. Wann habe ich zum letzten Mal mit "fremden" Menschen in einem Raum geschlafen? In der Armee? Ich lausche seinem Atmen, wünsche ihm etwas mehr Regelmässigkeit, und dann habe ich in meiner eigenen Ruhe keine Wünsche mehr.

Thinkabout am 17.8.06 20:45



Ein Leidensgenosse



Bei mir hat sich ein Mitreisender gemeldet, der mit uns am Flughafen hängen blieb. Sein Versuch, seine eigenen Wahrnehmungen als Kommentar ins Blog zu stellen, blieben erfolglos, weshalb er mir ein Mail schrieb mit der Bitte um Veröffentlichung. Ich habe dem mit einem Anhang zu meinem Beitrag vom 8.8.06 entsprochen.

Thinkabout am 13.8.06 20:52



Tag 1 (7. Juli 2006): Ankunft in Ulaanbaatar



Über Irkutsk, um 4.00h Lokalzeit, 7.7.06

Blogeintrag (e-mail) vom: 6.7.06 23:40:
Wenn du überm Gang einen Sitznachbarn hast, der schon beim Einsteigen ein ziemlicher Rüpel ist, dann wünschst Du Dir plötzlich ein gutes Buch... Mein Fluchtmittel heisst iPod, bis mir der Geruch von Whisky-Cola in die Nase steigt und da nicht mehr weg will. Er trinkt dieses Elixier zusammen mit seinen Kumpanen aus einer unverdächtigen 1,5-Literflasche Eistee... Am heimischen Herd muss eben der Reiseproviant vorbereitet werden, und so wünsche ich mir wieder einmal, dass ich kein Deutsch verstünde... oder dass mir mehr von der Italianita des Personals gegeben wäre ...

1 Kommentar(e)
Tina (7.7.06 05:41)
...oder daß er wenigstens mal ein weiteres Glas aus seinem Gepäck zaubern würde um Dir mal ein Schlückchen anzubieten...

Vielleicht sitzt der "Teetrinker" nur im falschen Flugzeug und wär viel lieber in Richtung Ballermann gedüst, aber wurde von seinen Kumpanen überstimmt. Hat weder Buch noch iPod und muß sich damit trösten ;-)
Aus studienzwecken bitte unauffällig weiterbeobachten und mir mitteilen was zu tun ist, wenn "Flasche leer"

Ach ist das schön, schon was von Dir zu lesen!!!

Schwupps hab ich tausend Bilder vom Rimini-Urlaub im Kopf (Ja, wir sind schon sehr unterschiedlich, ;-) macht aber nichts.)

Dafür hast Du einen klaren Vorteil: Er ist auf dem Rückflug mit größter Wahrscheinlichkeit nicht wieder Dein Blickfang...Eine erträgliche Eintagsfliege....Relax...

Laß es Dir gut gehen und Dich nicht von Unbedeutendem nerven....
*Portiönchen gute Laune rüberschick*

Blogeintrag (SMS) vom 7.7.06 11:17
Guesthouse:
Wohnung bezogen, mit eigenem Schlafzimmer, grosser Küche und Bad. Inklusive Frühstück für 8 US-Dollar pro Person. Noch etwas Luxus für einen Tag und eine Nacht. Beim Frühstück mit einem holländischen Fotografen gefachsimpelt. Hach, ich hab wirklich Ferien!



Zusammentreffen in Berlin
Wir treffen Ono und Thomas wie geplant in Berlin Tegel beim Check-In. Th. ist mit seiner Grösse von weitem auszumachen - und Ono kommt gar nicht bis zu uns hin, ohne Landsleute zu treffen, die sie kennt. Drei Mio. Mongolen, ein paar Zehntausend oder auch mehr im Ausland - da bleibt es nicht aus, dass man sich zur Hauptreisezeit an Punkten wie Flughäfen trifft.
Die Mongolei feiert ihr 800-jähriges Bestehen und hofft auf zusätzliche Touristenströhme. Alles ist dieses Jahr grösser. Auch das traditionelle Naadam-Fest, mit dem die Mongolen sich, ihr Land und ihre beliebtesten ureigenen Sportarten Reiten, Ringen, Bogenschiessen und neu z.B. auch Schach und Volleyball feiern.
Bei unseren Freunden ist alles okay, wir sind es auch. Auf den ersten Blick ist es uns peinlich, mit vier Taschen scheinbar viel mehr Gepäck zu haben als unsere Freunde. Aber die Volumen sind ähnlich. Zelt, Schlafsäcke und Isomatten brauchen einfach Platz... Und sie haben Gewicht...
Wir bringen 42kg, unsere Freunde knapp 50 kg durch den Check-In, trotz Limite von 40kg pro Paar...

In der Luft

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Wir erfahren, dass wir direkt nach Ulaanbaatar fliegen, ohne Zwischenlandung in Moskau. Wir werden also noch etwa zwei Stunden früher in UB ankommen. Wir treffen auf eine italienische Besatzung und ich lese im Bordheft und an Türen und Flugzeug zum ersten Mal von einer Fluggesellschaft namens Blue Panorama. Die Damen und Herren Flugbegleiter sprechen denn auch vor allem italienisch und sind sehr schnell, zumindest wenn sie englisch sprechen...

"Wenigstens sind sie hübsch", denkt der Chauvi in mir...
Nicht nur mir fällt auf, dass die vier mongolischen Flugbegleiterinnen von ihren italienischen Kolleginnen sehr unfreundlich behandelt werden.

Dafür haben meine Sitznachbarn über dem Gang ein einziges Gaudi. Sie machen mal Urlaub von der Zivilisation, und das immer ungehemmter. Der Whiskey aus der mitgeführten Eistee-Petflasche hilft dabei enorm, nicht gerade zum Vergnügen der Passagiere vor ihnen, die immer wieder die knochigen Knie in den Rücken gerammt kriegen, wenn die Witze einfach zu sehr zum Brüllen komisch sind, um dabei ruhig sitzen bleiben zu können. Ich lasse die beiden mit ihrem komischen Humor vorsorglich allein, da der Herr mit dem maltraitierten Rücken sich zwar sichtlich ärgert, aber erwachsen genug scheint, sich selbst zu wehren. Das tut er aber nicht, und ich kann die herausfordernden Blicke der Saufkumpane neben mir förmlich in meinem Gesicht spüren.
Manchmal hilft ja ignorieren... und tatsächlich, nachdem ich mich meinem iPod zuwende, schwindet auch das Interesse der Nachbarn an mir, da ich ja offensichtlich der Langweiler bin, für den sie mich halten, und dann fahren sie ihre wirklich sehr dunklen Sonnenbrillen aus und beginnen zu dösen.

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Das sollte ich auch tun. Fällt mir in Flugzeugen aber immer schwer, ganz egal mit welchen Nachbarn.
Und so wache ich in unserer gemeinsamen Bewegung gegen Osten, die so unwirklich schwerelos erscheint in diesem viele Tonnen schweren Vogel, in dem wir alle gemeinsam unterwegs sind und doch jeder einzelne an einem ganz anderen Punkt sein kann. Wieviele Gedanken eilen voraus, wie viele gehen zurück? Welche Seelen können ruhen, wessen Schlaf ist wirklich tief und ruhig?

Was mag Ono alles durch den Kopf gehen, so kurz, bevor sie nach langer Zeit ihre Familie und viele Bekannte wieder sehen wird? Wie verwirrend muss es bei aller Integrationsbereitschaft für Angehörige anderer Kulturen bleiben, in der Fremde zu leben? Und was mag davon hoch kommen, wenn man sich in einem Flugzeug zwischen diesen Kulturen befindet, deren Wirkung auf einen selbst für immer auch Teil des eigenen Lebens sein wird?

Auf dem Bildschirm sehe ich, dass wir über Omsk fliegen. Wir folgen ziemlich genau der Route der Transsib, wie wir sie 2002 selbst gefahren sind. Bis jetzt haben wir vier Stunden Zeitunterschied. Wir werden sehr früh in UB ankommen. Ich denke lieber noch nicht an diesen ersten Tag, der sehr lang werden wird, mit einer langen Einkaufsliste, die wir für unsere Reise noch "abarbeiten müssen".

Im Guesthouse
Onos Vater erwartet uns am Flughafen und bringt uns zu unserer Unterkunft, einem Wohnblock, in dem viele Wohnungen an Touristen vermietet werden. Klappt ja wunderbar! Das Auto scheint recht neu und ausreichend gross zu sein und dabei einen genügend hohen Radstand zu haben - bei den hiesigen Strassenverhältnissen SEHR wichtig. Wir laden unser Gepäck aus und schleppen es in den vierten Stock. Die Wohnung hat zwei Schlafzimmer, ein Badezimmer und ein separates WC, und vor allem eine grosse Küche.

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Alles ist sehr sauber - nach den Gerüchen im Treppenhaus eine angenehme Überraschung. Und wir haben fliessendes Wasser, die Toilette funktioniert.
Wir versammeln uns alle in der Wohnung des Verwalters, besser gesagt, in dessen Küche, zum Frühstück. Die ist im Gegensatz zu unserer eigenen sehr klein, und soll nicht nur Herberge für Frühstückende sein, sondern ist gleichzeitig Internet-Corner. Für 1 US-$ die Stunde. Ich kann mich aber beherrschen. Der Bildschirm bleibt dunkel. Der Drehstuhl davor wird eh gebraucht und die Ablagefläche um die Tastatur auch. Wir finden uns alle fünf plus Verwalterin auf höchstens acht verstellten Quadratmetern und teilen uns vier Löffel und immerhin drei Messer miteinander. So ungefähr, zumindest. Ein holländischer Zimmermieter findet auch noch Platz. Und auch eine eigene Tasse. Er ist Berufsfotograf - der Austausch über Land und Tätigkeit ist erfrischend, belebend und atmet den Geruch des bevorstehenden Abenteuers. Herrlich. Da er sein Wissen als Lehrer auch Kunststudenden weiter gibt, finden sich mit Thomas, der auch als Lehrer arbeitet, zusätzliche Berührungspunkte. Eine Stunde vergeht wie im Flug und wir widmen jeden Gedanken dem Hier und Jetzt. Die Ferien haben begonnen.

Ein Tag der Suche nach dem Notwendigen
Ono meint, es wäre wohl besser, wenn einer von uns in der Wohnung bleibt und das Gepäck hütet. Die Wahl fällt auf mich. Mir ist das recht. Noch ein wenig Einsamkeit vor der Enge so mancher kommender Stunden. Und für meine Frau wäre das nichts: Ein Tag ohne Beschäftigung nach einer langen schlaflosen Nacht, und doch wachbleiben? Bei sieben Stunden Zeitverschiebung "nach vorn" nicht so einfach... Vor Mittag ziehen meine Mitstreiter also los, nachdem wir gemeinsam eine Einkaufsliste erstellt haben.
Wir brauchen einen Tisch, fünf Stühle, Lebensmittel, Wasserkanister, Gaskartuschen, eine Schaufel usw. usw. - und dafür einheimisches Geld, wofür wir das Budget nochmals abstimmen.

Allein habe ich Zeit, die Wohnung zu durchstreifen. Eine Kamera und viel Zeit. Ulaanbaatar ist im Winter kalt, sehr kalt. Die Durchschnitts-Januar-Temperatur liegt bei 26 Grad Celsius unter Null. Die Fenster haben Vorfenster, aber wirklich dicht sind sie nicht... Die Farbe am Holz springt überall ab.

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Alles zeigt seine Vergänglichkeit, scheint aber funktionsfähig zu sein. Im Bild erscheint jetzt, bei gut zwanzig Grad und schwüler Luft, pittoresk, was in der Kälte einfach nur hart sein muss... Reparaturen sind auch in der Hauptstadt oft eine Frage der Ressourcen. Ersatzteile sind oft nicht verfügbar, undichte Leitungen werden auf alle möglichen Arten abgedichtet, oder eben auch nicht... Ich aber stehe in der Wärme, behütet von vier, acht, zwölf Wänden und fühle mich beschenkt.

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Drei Stunden später hat sich der Himmel zugezogen und ein heftiger Regen streicht aus grau-schwarzen Wolken über die Stadt. Heftiger Wind und prasselnde Regentropfen lassen rund um "meine Wohnung" Türen schlagen und Bleche sirren und klirren, während Menschen den grossen Platz vor dem Küchenfenster ohne Eile durchqueren. Schirme sehe ich keine. Sie werden eher als Sonnenschutz verwendet. Ein Junge stellt sich mitten auf dem Platz unter den Himmel, neigt den Kopf nach hinten und lässt sich das Regenwasser übers Gesicht laufen.

Ich bewundere Menschen, die fremde Sprachen lernen können. Ich meine wirklich fremde. Will man mongolisch lernen, so ist die phonetisch-technische Schwierigkeit des englischen "th" eine müde Zungenübung für Dreikäsehochs. Ono kann mir ein Wort zehn Mal vorsprechen, ich kann es nicht nachsagen. Ich verstehe einfach nicht, wie ich meine Zunge hinter die Zähne und Lippen bringen müsste, dass es so klänge, wie ich es von ihr höre. Die Laute klingen teilweise so fremd, dass sie schon auf dem Weg in mein Hirn vor meinem Bewusstsein verdampfen: Ich kann sie mir nicht merken. Diese Sprache zu lernen, wäre eine riesige Herausforderung für mich. Thomas und seinen Schwiegervater scheint es allerdings nicht über Gebühr zu beschäftigen, dass sie sich nicht oder nur sehr eingeschränkt mit einander unterhalten können, und so ganz im Stillen dürfte sich "mein Thomzeck" ( "grosses Pferd" ) wie er liebevoll von Ono genannt wird, allmählich doch einen Wortschatz bilden.

Wenn es häufiger so schütten sollte wie eben, denke ich, dann wäre es ganz nett, wenn meine Kameraden auf die Idee kämen, noch eine Art Sonnen- und Regenbaldachin zu kaufen... Ich kann nicht wissen, dass sie gerade jetzt über Strassen laufen, in denen durch den heftigen Regen das Wasser mehr als knöcheltief stehen bleibt... und dass sie genau so eine Plane mitbringen werden.

Aber der Himmel weint scheinbar nie lange am Stück über der Mongolei (oder über die Mongolei?). Klingt etwas pathetisch, ich weiss. Aber wenn Du erlebt hast, mit welcher Weite sich der Himmel über mongolische Ebenen zu spannen vermag, dann ist diese Formulierung ganz natürlich. Auch über UB reisst der Himmel teilweise wieder auf und die Luft ist kühl und frisch, wie ich am offenen Fenster fühle.

Nach mehr als sechs Stunden sind meine Reisegefährten zurück. Und nudelfertig. Das Pendeln zwischen dem wuseligen Schwarzmarkt und dem Supermarkt kostet Energie und Campingstühle waren kaum aufzutreiben, nachdem der erste unter Thomas' Hintern beim Probesitzen zusammen krachte und danach im Nu das ganze Angebot aus dem Laden verschwand, wie mir erzählt wird... Da sitzen sie also nun, ziemlich geschafft, und befürchten, dass der Tisch zu klein und die Stühle zu gross sind (immerhin stabil genug scheinen sie zu sein), und wir gar nicht alles im Auto unterbringen können. Thomas stellt daher von Koffer auf Tasche um - wir brauchen sie nicht. Zelt und Schlafsäcke - viele kleine einzelne Gepäckstücke lassen sich besser verstauen als wenige (zu) grosse. Wir wollen uns Nudeln kochen. Aber der Herd funktioniert nicht. Wir mongolisieren ein erstes Mal, wie das hier heisst, und giessen immer wieder heisses Wasser aus dem Wasserkocher über die Nudeln, bis diese zwar nicht gar aber doch weich sind.

Ono ist deprimiert. Sie leidet unter den Unzulänglichkeiten. Was für uns kein grosses Problem und höchstens eine nette Anekdote ist, löst bei ihr Traurigkeit und Scham aus: Die Unterschiede im Alltag zu Deutschland - sie wirken belastend und sind ihr peinlich. Ich versuche, Ono zu versichern, wie glücklich wir über die grosse und saubere Wohnung sind und die guten Betten, die uns sicher tief schlafen lassen. Tatsächlich ist alles komfortabler, als ich es erwartet habe. Aber ich bin nicht sicher, ob ich Ono wirklich überzeugen kann...

Tatsächlich schlafen wir gut und fest und der erste Tag klingt in tiefer Müdigkeit ruhig aus. Wir sind nicht mehr die Jüngsten. Aber Alter und Erfahrung halten sich gerade noch so die Waage, dass wir alles nehmen können und wollen, wie es kommt. Da bin ich sicher.

Blick aus einem der Schlafzimmer auf die Rückseite des Theaters am Suchbaatar-Platz:

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Noch sind wir uns nicht richtig bewusst, wie sehr wir diese aus Deutschland mitgebrachte Kostbarkeit nochmals geniessen sollten...:

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Thinkabout am 13.8.06 16:30


Ein Reisebericht, und wie er nacherzählt und ausgebaut werden soll

Wie nun die Reise nacherzählen, so dass es leicht fällt, die bisher nur kurzen Notizen im grösseren Zusammenhang zu sehen?

Ich werde nun nochmals mit der Reise beginnen und jedem Tag die bisherigen Einträge und Eure Kommentare voran stellen. Digitalbilder liegen mir schon vor, die Dias sind in einigen Tagen auch da. Dann kann gescannt und generell mit Bildern illustriert werden, was allein durch Worte vielleicht trocken rüber käme.

Am Ende soll die ganze Reise wie ein Fluss vor dem Betrachter und Begleiter dahin fliessen und das Erlebte spürbar werden - wie eine geteilte Freude.

Thinkabout am 11.8.06 18:29


Noch ein von der Seele schreiben



Hallo, Ihr Lieben!


Ich bin Thinkabout’s Wife, und es ist mir ein Anliegen, Euch Allen ganz, ganz herzlich für jede Form der Unterstützung zu danken. In diesen schwierigen Tagen tat es unheimlich gut zu wissen, dass es Leute gibt, die sich für uns einsetzen, die von unserer misslichen Lage wissen, und ich bin fest davon überzeugt, dass wir nur dank dem Druck der Oeffentlichkeit, den Ihr wesentlich verstärkt habt, seit gestern zu Hause sind.
Ich möchte Euch auch gerne schildern, wie ich diese Tage erlebt habe:
Nun, eine Mongoleireise ist sicher für niemanden ein Erholungsurlaub. In 4 Wochen gut 4'000 km zu fahren, praktisch alles auf Naturstrassen, deren Vorhandensein oft nur erahnt werden kann, sich durch Schlamm, Sand und Wasser zu kämpfen, über Wellbrettpisten und Schotterstrassen zu rumpeln, am Abend das Zelt aufzubauen, zu kochen, all das braucht viel Energie. Da wir 2002 bereits einmal die Mongolei besuchten, wussten wir, was in dieser Hinsicht auf uns zukam, und wir wussten auch, dass wir für all diese Strapazen mit einer praktisch unberührten, fantastischen Natur, den unermesslichen Weiten der mongolischen Steppen unter einem so weit gespannten Himmel, wie er nur da möglich ist, mehr als nur entschädigt werden. Eine Mongoleireise ist Balsam für die Seele zum Preis von körperlicher Anstrengung, und das war sie uns wert.
Als wir am Freitag um 04:00 aufstehen, um zum Einchecken in den Flughafen zu fahren, freuen wir uns alle auf eine zweite Runde Schlaf im Flugzeug. Den anderen Passagieren geht es wohl nicht anders: Die meisten schauen müde, aber glücklich aus, erzählen begeistert von ihren Erlebnissen. Als der Flug von Stunde zu Stunde verschoben wird, wird die Stimmung immer gedämpfter, auch weil vielen klar ist, dass sie ihre Anschlussflüge in Berlin verpassen werden. Dann taucht diese ominöse Liste mit den Namen derjenigen auf, die nicht einsteigen dürfen. Ein sagenhaftes Gedränge entsteht, jeder muss seinen Namen darauf suchen, in der Hoffnung, ihn nicht zu finden. Ein kurzer Blick genügt nicht, denn manchmal steht der Vorname vorne, manchmal hinten. Unsere 4 Namen sind nicht darauf, und mir fällt ein Stein vom Herzen. Gleichzeitig findet eine Frau neben mir den ihren und bricht in einen Heulkrampf aus. Immer wieder fragt sie zwischen Schluchzern, auf Grund welcher Kriterien denn die Liste erstellt worden sei. Sie erhält darauf genauso wenig eine Antwort, wie wir anderen. Ehepaare werden getrennt, Reisegruppen auseinandergerissen: Chaos pur; Wir „Glücklichen“ dürfen einsteigen, um in brütender Hitze gut weitere 2 Stunden in 30-Minuten-Takt auf den Start vertröstet zu werden, immer wieder mit anderen Ausreden, bis keiner der Passagiere mehr etwas glauben kann. Alle kommen sich regelrecht verarscht vor. Als es dann heisst, wir bekämen keine Starterlaubnis, wollen einige einfach sitzen bleiben, aber auf Grund der Hitze kommen sie von dieser Idee ab. Wir beschliessen (fast) alle, auf dem Flughafen zu bleiben, da bei einigen die Visa abzulaufen drohen und wir eine schriftliche Bestätigung wollen, dass alle Passagiere trotz der ausgestempelten Visa am nächsten Morgen wieder problemlos ausreisen können. Die Nerven liegen blank, fragende, ungläubige und ratlose Gesichter rundherum. Keiner weiss weiter, alle sind todmüde, es ist weit nach 21:00. Eine Vertreterin der deutschen Botschaft erscheint und verursacht kurz hoffnungsvolle Gesichter, bis klar wird, dass sie keine wirklichen Kompetenzen hat, die Chefs sind schon im Wochenende…Nach 23:00 werden wir ohne Gepäck in einem Hotel abgeladen, nach 19 Stunden auf dem Flughafen, mit je 2 Toiletten für Frauen und Männer und einer Verpflegung, die zu wünschen übrig liess. Wir wollen nur noch schlafen und sinken in die zugeteilten Betten; das meines Mannes knarrt bei jeder Bewegung dermassen, dass man es noch im Nachbarzimmer hören kann. Aber die Verweilzeit darin ist ja sowieso nur kurz: wecken 4:00, Abflug angeblich um 6:55, nachdem die Maschine über Nacht repariert wurde, mit von Aeroflot eingeflogenen Ersatzteilen.
Ich lasse das Frühstück ausfallen: Es besteht aus frittierten Brötchen, Eiern und Würstchen. Mir ist schlecht, und nur schon der Geruch verursacht mir Uebelkeit; den Würgreiz unterdrücke ich mit kleinen Schlucken aus meiner Wasserflasche.
Wir sitzen alle wieder in den alten Kleidern auf unseren angestammten Plätzen am Abflug-Gate und lauschen den vertröstenden Durchsagen. Dann dürfen wir alle einsteigen. Eine Welle der Erleichterung macht sich bei einigen breit, andere sind skeptisch. Sie sollten Recht behalten: Wir müssen wieder aussteigen, da die Turbinen nicht gestartet werden können. Dies soll erst in einigen Stunden möglich sein. Der Pilot, der uns dies mitteilt, ist hörbar genervt. Wir verlassen das Flugzeug, einige weinen, und auch eine Stewardess hat Tränen in den Augen. Die ganze Crew möchte ebenfalls einfach nur nach Hause!
Die Stimmung ist mehr als geladen, keiner glaubt an die ständig wechselnden Pleiten und Pannen, da muss etwas ganz anderes dahinter sein, Vermutungen vom Freitag werden zur „Gewissheit“, die Gerüchteküche brodelt, jeder ist plötzlich selbsternannter Aviatikexperte. Als dann auch noch eine Meldung im mongolischen TV über den Bildschirm läuft, die diesen unseligen Leasingvertrag zwischen Blue Panorama und Miat zum Inhalt hat, gibt es kein Halten mehr. Einzelne Mongolen rufen über ihr Handy direkt beim Sender an und werden live zugeschaltet.. Wie uns Ono übersetzt, finden sie es eine Schande, wie mit uns umgegangen werde, sie würden sich wie Geiseln fühlen, und das Ganze richte unheimlichen Schaden für den Tourismus in der Mongolei an.
Ein einzelner MIAT-Ofizieller will durch die Halle rauschen, wird von einigen Passagieren gestellt und schliesslich von etwa 40 Leuten umringt: Er soll nicht entkommen können und seinen Chef herbeordern, wir wollen endlich Informationen darüber, was hier wirklich los ist, und verlangen eine Ersatzmaschine, die uns ausfliegen soll. Er spricht tatsächlich in sein Handy, aber der Chef will nicht kommen – er hockt in seinem Büro mitten in der Stadt - , aber eine einzelner Abgeordneter von uns darf ihn zusammen mit dem „Festgehaltenen“, der inzwischen einen Stuhl bekommen hat, besuchen…
Einige Presse-Leute möchten zu uns ins Gate, ihnen wird aber der Zutritt verwehrt; ein Arzt, den jemand benötigt, darf ebenfalls nicht gerufen werden, noch bekommen Reisende ihr Gepäck, um daraus die benötigten Medikamente zu nehmen.
Das einzige, was uns hier helfen kann, ist die Oeffentlichkeit, die Medien. Mein Mann mailt im kleinen Internetcafé, während ich andere Leute ansporne dies ebenfalls zu tun, ihre Kontakte zu nutzen. Die Handys laufen heiss und an anderer Stelle wird erwogen, die Security-Check-Bänder zu blockieren, dass keine Passagiere mehr abgefertigt werden können, bis wir ausgeflogen werden. Ein Mann schmeisst einen Gegenstand an die Decke, es knallt fürchterlich, und ein Beamter eilt herbei, will ihn mitnehmen. Andere Passagiere stellen sich schützend vor ihn, erklären, dies seien nur die Nerven, er habe sich schon wieder beruhigt. Er darf bleiben. Alles geht drunter und drüber. Ich habe einfach nur Angst: Angst vor Eskalation, Angst, hier nicht mehr wegzukommen, ohnmächtig irgendwelchen Machtspielen ausgeliefert zu sein, die ich nicht durchschaue und die mich nichts angehen. Ich kann nichts essen, bringe keinen Bissen herunter. Einige verlangen ein Gespräch mit dem Piloten der Blue Panorama. Der Zutritt zur Lounge wird verwehrt, schliesslich können Mongolen die Security-Leute überzeugen, unseren Wunsch der Crew wenigstens zu übermitteln. Er kommt tatsächlich, zusammen mit seinem Co und dem Chef-Steward. Er erklärt die technischen Probleme, geht geduldig auf alle Fragen ein. Er gibt zu, dass es ein Fehler war, dass wir so schlecht informiert wurden. Das Problem ist nur, dass wir jetzt einfach eine weitere Version haben. Aber er sagt auch, dass er ehrlich überzeugt sei, dass mit dem anderen Verfahren die Turbinen tatsächlich gestartet werden können und wir in sicher heute noch fliegen können. Dies wiederholt er mehrmals. Er sagt auch, dass, sollte es im unwahrscheinlichen Fall doch nicht klappen, wir auf andere Flüge umgebucht werden würden, ein weiterer Versuch (Einzahl!) werde nicht stattfinden. Es keimt wieder etwas Hoffnung auf; dennoch versuche ich, Kontakte zu den Reisegruppen-Leitern zu knüpfen: Bei Umbuchungen haben die immer die besseren Karten, da ihre Agenturen von zu Hause aus schon die nötigen (provisorischen) Buchungen vornehmen können, die dann für die Individualreisenden gar nicht erst zur Verfügung stehen, wenn’s darauf ankommt. Wir würden für den Service natürlich auch etwas bezahlen. Ich bekomme nur sehr vage Zusagen, was keineswegs zur Beruhigung meiner Nerven beiträgt.
Nach 4! fehlgeschlagenen Versuchen und ein paar Stunden später ist klar, dass mit dieser Maschine nicht mehr geflogen werden kann, also Umbuchung und Gepäck entgegennehmen. Für heute hat’s nur noch ein paar wenige Plätze nach Seoul, mit Weiterflug nach Deutschland am nächsten Tag. Am Sonntag kann nach Beijing und am Montag mit Aeroflot nach Moskau geflogen werden. Anschlussflüge sind nicht garantiert, und es bestehen laaaange Wartelisten, zumal jetzt Hauptreisezeit ist. Es beginnt ein Hauen und Stechen: Ein aufgebrachter Passagier stürmt den Desk, der für diese Prozedur schliesslich eingerichtet wurde und schlägt die MIAT-Angestellte ins Gesicht. Trotzdem sind die Seoul-Plätze weg und die Angestellte spricht auch nicht plötzlich besser Englisch. Alle schreien durcheinander, keiner weiss wirklich, was Sache ist. Fragen kannst Du keinen, es sei denn auf Mongolisch. Manche wedeln freudestrahlend mit ihren Tickets nach Moskau oder Beijing; wissen sie wirklich, was sie tun? Ich habe mich vorher mit einigen Leuten unterhalten, sie auf die Konsequenzen aufmerksam gemacht. Einer ist mir fast um den Hals gefallen, als er mein Szenario von anderer Seite bestätigt bekam. Ich hoffe innigst, dass es für Alle gut ausgeht. Mir ist so schlecht, dass ich fast zusammenklappe. Ich passe auf das Gepäck auf, während sich mein Mann und Ono um die Umbuchung bemühen. Endlich sind sie dran. Wir bekommen dank Onos Muttersprache 4 Plätze, aber keine Bestätigung dafür, obwohl andere eine haben. Nach dreimaligem Nachfragen erklärt man Ono, sie müsse sich morgen die Bestätigung im MIAT-Stadtbüro abholen. Was soll diese Schikane? Hält man uns nur hin? Ist der Flug überbucht? Sind wir auf der Warteliste? Wir werden es erst am Sonntag in diesem Büro erfahren. Ich fühle mich total ausgeliefert; das ständige Wechselbad von Freude und Enttäuschung macht mir zu schaffen. Mein Magen spielt verrückt, ebenso mein Blutdruck, der sich im Keller befindet. Ich konnte den ganzen Tag nichts essen, schaffe es kaum noch die Treppe hinauf in das Hotelzimmer, das wir für zwei Tage beziehen und falle wie tot ins Bett. Ono sagt, ich sähe sehr schlecht aus, legt mir ein nasses Tuch auf die Stirn, reibt mit einem anderen über meine Hände, in denen es kribbelt. Irgendwann schlafe ich ein, schrecke immer wieder aus wirren Träumen hoch, die von nicht bestätigten Flügen und nicht startenden Maschinen handeln. Plötzlich ein Knall: Das Bett meines Mannes, besser gesagt die Spanplatte darin, bricht mitten entzwei. Er repariert das Bett, während ich vor mich hin dämmere. Ich bin total erschöpft, die nervliche Anspannung lässt kaum nach. Irgendwann heule ich los, bin völlig fertig, so wie viele andere auch, mit denen ich am Nachmittag gesprochen habe. Ich bleibe den ganzen Morgen im Bett, Onos Eltern kommen vorbei und bringen Erdbeerkompott mit. Ich möchte aufstehen und duschen, doch ich befürchte, dass dies mein Blutdruck nicht mitmacht, denn ich kann kaum stehen, dann wird mir schon schwarz vor den Augen. Ich entschliesse mich dann für ein Bad, da muss ich nicht stehen. Danach geht es mir etwas besser, und als das SMS von Ono eintrifft, dass die Tickets bestätigt seien, kann ich tatsächlich etwas Kompott essen. Ich gehe zu meinem Mann in den Internet-Raum, wo er versucht, einige geschäftliche Dinge zu regeln und kann in seinem Blog Eure lieben Kommentare lesen, jendenfalls solange, bis ein Stromunterbruch den PC derart lahm legt, dass er nicht wieder zum Leben erweckt werden kann.
Dann wieder der Dämpfer, als wir erfahren, dass die Maschine nicht planmässig in Mailand abgeflogen ist. Ich beginne sofort wieder zu würgen und verwünsche mich deswegen. Weshalb lasse ich mich von dem Zeug so fertig machen??? Wir sitzen alle 4 zusammen und halten Krisenstab. Was können wir tun? Ich rufe im schweizer Konsulat an: Keiner geht ans Telefon, auch am Montag nicht. In der deutschen Botschaft ist es beim „Bereitschaftsdienst“ dasselbe, ebenso bei MIAT in Berlin. Bei unserer Reiseversicherung (ETI/TCS) habe ich mehr Glück. Eine sehr nette Dame besorgt uns Telefonnummern, gibt einige rechtliche Auskünfte. Um 02:30 erhalten wir per SMS die Nachricht, dass die Maschine in Tegel gestartet ist: jetzt kann auch ich etwas schlafen.
Am Montag wieder einchecken. Ich kann die Taschen nicht mehr sehen, schleppen schon gar nicht. Es ist mir egal, wie das Gepäck ankommt, Hauptsache ich kann endlich nach Hause. Ich juble innerlich, als die Bestätigungen gegen richtige Bordkarten getauscht werden: Damit haben wir die erste Hürde des heutigen Tages genommen. Ich kann etwas mongolischen Trockenquark und ein paar Kekse essen, bis die Durchsage mit den Seitenwinden kommt. Ein regelrechter Tumult geht los: die einen schreien, dass wir nur verarscht werden, andere heulen oder sitzen mit versteinerten Gesichtern da. Bei einigen breitet sich Panik aus: Sie müssten wieder arbeiten, rechneten damit, am Nachmittag einsatzfähig zu sein. Ein wildes Telefonieren beginnt: Eine Coiffeuse sagt die Termine ab, ein Tierarzt verhandelt mit seiner Vertretung, unzählige versuchen ihren Chef zu erreichen. Sie brauchen eine Bestätigung, dass sie seit vier Tagen festsitzen, bekommen aber nur eine über 8 Stunden Verspätung. Gruppenreisende bedrängen ihre Reiseleiter, endlich etwas zu unternehmen, wir würden ja nur hingehalten, bis zur nächsten Ausrede. Nur, wie dieses Etwas aussehen soll, weiss keiner so recht. Es wird gestritten und geflucht, die Nerven liegen bei allen blank, die Ungewissheit ist kaum mehr zu ertragen. Eine Delegation macht sich auf den Weg zum Miat-Boss. Inzwischen taucht das WDR-Team auf. Unser Fall ist wieder Thema im mongolischen TV, wie in der Zeitung. Endlich kommt die Nachricht, dass wir fliegen können: wildfremde Menschen liegen sich plötzlich in den Armen, weinen hemmungslos. Für mich ist es für Freudentränen noch zu früh: Zu oft wurden Versprechen gebrochen, wurden wir alle enttäuscht. Ich hebe sie mir auf, bis wir unsere Reiseflughöhe erreicht haben und ganz sicher gegen Westen fliegen, wie hoffentlich alle anderen Betroffenen auch!
Die Verantwortlichen sprechen nach wie vor nur von technischen Problemen; wir haben das anders erlebt und deshalb auch so reagiert, wie wir es eben taten. Wenn uns einer am Freitag gesagt hätte: Wir haben einen Schaden am Flugzeug festgestellt, es kann erst nach der Reparatur am Montag wieder fliegen, bis dahin seid ihr im Hotel untergebracht, dann hätten wir in Ruhe im Internetcafé sitzen können, unsere geschäftlichen Angelegenheiten so gut als möglich dort abwickeln können und uns ansonsten über die zugefallenen Ferientage gefreut. So aber kamen wir uns vor wie Figuren in einem Spiel, dessen Regeln wir nicht kennen, und das ist ein echt beschissenes Gefühl. Danke, dass Ihr uns und all den anderen Passagieren da herausgeholfen habt; Ihr seid einfach toll!!!

Thinkabout's Wife am 9.8.06 22:23


Eine Zusatzseite



Auf der linken Seite findet Ihr eine neue Rubrik:

Das Bild des Tages.

Vielleicht wird es noch eine Weile dauern, bis ich regelmässig Reiseberichte online stellen kann. Für die ganz Neugierigen ist deshalb diese Zusatzseite gedacht.

Ich gebe ja gerne zu: Etwas "anfixen" möchte ich Euch auch schon, denn schlussendlich soll von den Mongolen und der Mongolei erzählt werden, und nicht von MIAT-Managern und der leeren Kantine oder der kleinen Toilette eines Flughafens.

Darum einfach von Zeit zu Zeit mal nach links schielen und gucken gehen.

Thinkabout am 9.8.06 14:34


Nachbearbeitungen an anderer Stelle



Die nun ein paar weiteren Menschen gut bekannt gewordene Freundin Caro hat ganz offensichtlich unseren Hilferuf aus UB etwas zielsicherer kanalisiert und bestimmte Stellen des EDA damit versorgt.

Mittlerweile kümmert sich also auch die Botschaft in Beijing um den Vorfall. Ich hoffe, dass alle heil nach Hause gefunden haben, auch jene, die Routen über Moskau oder Beijing wählten.

Und vor allem auch jene, die neu auf Heimflüge gebucht haben, angefangen mit jenen, die am Montag sicher frisch auf Abflug warteten. Ganz sicher haben nicht alle in der einen Maschine Platz gefunden.  

Thinkabout am 8.8.06 22:45


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