Mongolei - Weite und Tiefe


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4. Tag (10. Juli 2006): Naadamfest in Tsetserleg



sms vom 10.07.06

Montezuma bleibt gnädig / Sanitär bleibt prekär / Korea ist weit / noch mehr Schlauwasser und mehr / auf zum Finale / am Naadam-Fest auf der Ziellinie / 20 km ohne Sattel im Galopp / Ehrungen auf mongolisch / ein unglücklicher Ringer / Inventur, Einkaufen und Vorpacken der Küche
10.7.06 21:28

bisher 9 Kommentar(e) TrackBack-URL

Tina (12.7.06 17:27)
Im Osten nichts Neues?

Dann geh ich optimistisch mal davon aus, daß Du gerade mit "leben" beschäftigt bist, statt mit schreiben... Gut so!

Ich wünsche Euch, daß Montezuma weiterhin gnädig bleibt, die Toilettenhäuschen besser werden und Ihr heute Abend in Jargalant sum einen wunderschönen Sternenhimmel über Eurem Zelt habt!

udakhgui uulzaya - bis dann....

rielei / Website (13.7.06 14:52)
Wodka tötet alle Bakterien ab *gg*

Möget ihr ohne Sanitäter, Montezuma und mit geglücktem Einkauf weiterreisen:-)
Heute ist der 13. und am Abend werdet ihr in Ogoor sum im Jurtencamp ausruhen und einen ganz bezaubernden Sonnenuntergang beobachten.

@Tina,
Frau, du kannst sogar mongolisch??!!!
Ich vertippsel mich ja schon bei den Ortsnamen !
Grüßle von Gabi

Tina (13.7.06 15:50)
@rielei
;-) das täuscht!

Ich kann mit "Strg+c" und "Strg+V" ein Wort kopieren und einfügen, bin aber heilfroh, daß ich das nicht aussprechen muß! :-))...

Ein ganz informativer Link, mit dem Dir der crashkurs auch gelingt:
http://www.mongolei.com/landerinfo_body.htm

Die kulinarischen Links sind klasse, ich sag Dir Gabi, dieses "bansh" bekämen wir auch bei uns zu Hause mühelos hin!
Und für Thinkabout and his fabulous cooking wife, die ja so gerne in der Küche experimentieren, ist das sogar eventuell was für den Fotoguck-Reflexions-Gäste-Erzählabend

masterkuki / Website (14.7.06 15:09)
@tina
danke für den Tipp - da bin ich ja einen halben Tag mit dem Lesen beschäftigt.
Eigentlich hat mich der Hinweis auf dieses "bansh" verleitet (typisch genusssüchtig!)- dann blieb ich an den mongolischen Sprichwörtern hängen - nun frag ich mich, ob ich thinkabout nachreisen soll. Warum stelltst Du mir solche Fallen, tina?

Tina (14.7.06 18:27)
@masterkuki
weil ich sehr gerne Deine Kommentare lese? *fg*

Bei der genießerischen Lebensart der Stierfrau rennt man mit leckeren Rezepten bei mir natürlich offene Türen ein; da bleibt es nicht aus, daß ich auch mal die Deckel der mongolischen Kochtöpfe anhebe...und gerne wieder schließe

Das mit dem Nachreisen würde ich noch ein bißchen verschieben, zur Zeit lassen sich die Schweizer gerade auf den schwankenden Wüstenschiffen nach Argalant sum schaukeln...
Da ist sicher nicht nur das Salatöl "am falschen Ort", sondern auch der Sand überall da, wo man ihn nicht wirklich gerne hätte ...
Aber um die Übernachtung im Zelt beneide ich die Abenteurer schon!

Freut mich, daß Du mit dem Link was anfangen kannst!

Strandsteine (14.7.06 23:58)
@ Hallo Tina,
Deinen Link finde ich auch super.

Werde ihn noch intensiv lesen.

@ lieber Thinkabout,
war einen Ritt ohne Sattel ist bestimmt angenehmer,
als auf einem Holzsattel ?

die in die Runde winkenden Steine

Tina (15.7.06 06:55)
@Strandsteine
während Thinkabout gerade in der Mittagssonne auf einem geduldigen Kamel durch die Sanddünen getragen wird, stöbere ich ein bißchen in seinem Archiv.

Ich habe diese blaue Seite ja erst im Mai entdeckt und mich jetzt ein bißchen "festgebissen", weil mich viele seiner Überlegungen auch zum Nachdenken animieren und mich selbst ein Stückchen weiter bringen...

Dabei stelle ich fest, wie lange Du schon Thinkabout mit Deinen bereichernden Gedanken begleitest!

Wie manche anderen auch: Janna, Rielei, Caro, Martha, Vol-au-Vent, masterkuki und sicher den ein oder anderen, den ich jetzt übersehen habe, oder der lieber still mitliest.

Und ich freu mich, so langsam - auch wie Du - in die Runde der vertrauten, freundlichen, auf dieser Seite versammelten Gesichter winken zu können

Strandsteine (24.8.06 00:16)
Lieber Thinkabout,
beim Nachlesen....
frage ich mich, ob ich den unglücklichen Ringer im Fernsehen gesehen habe.?
Dieser hatte sich den Arm bei der Niederlage zertrümmert......und der Arzt war weit....
die neugierigen Steine


Thinkabout (24.8.06 04:18)
@Strandsteine: nein, zum Glück gibt es in der Mongolei pro Wettkampf mehr als 99% unglückliche Ringer, die sich jede Art von Schmerz teilen können, denn gewinnen kann eh nur einer... aber es kann schon grob werden, das ist richtig, auch wenn der Kampf vorbei ist, sobald ein Ringer mit etwas anderem als den Füssen den Boden berührt.

Nacherzählung vom 11.09.06

In einer Jurte ausschlafen bis um neun Uhr vormittags: Noch wissen wir mehr aus Verstand denn körperlicher Erfahrung, was für ein Luxus das ist! Bis auf meine Frau sind schon bald alle am Frühstückstisch versammelt. Sie hat einen Stein im Bauch. Immerhin, sagt sie, hätte sie noch nicht erbrochen. Noch nicht...".

Ich lasse sie noch ein wenig liegen, und treffe beim Frühstück auch Onos Schwester wieder. Sanah lebt seit sechs Jahren in Seoul und erzählt von den Anfängen, als sie im fremden Land Fuss fassen musste, ohne die Sprache zu können, mit dem Mann als einziger Bezugsperson... Ono und Thomas können sich wenigstens von Anfang an problemlos verständigen...

Während wir da so sitzen und ich mich ganz gerne einnehmen lasse von Sanahs sensiblem, kreativem Wesen, aus dem in allen Poren das Künstlerblut drängt - sie ist ausgebildete Schauspielerin - frage ich mich, was Menschen wirklich heimisch werden lässt? Was hält Sanah in Korea am Blühen? Und was haben bei dieser Frage meine Massstäbe zu suchen? Der Mensch orientiert sich an dem, was er kennt, und so richtet er sich auch mit seinen Gefühlen ein. Wunderbar in jedem Fall, zu sehen, wie sich die Neugierde ganz langsam gegen die Scheu durchsetzt und Augen und Worte immer offener und lebendiger werden.

Dies, während ich Gedanken an die Räume unter mir lieber verdränge... Die Waschräume und Toiletten waren auch heute morgen erst verschlossen. Dann war festzustellen, dass die Spülungen noch immer nicht funktionierten, worauf uns die Küche grosszügig einen riesigen Spaghetti-Topf mit Wasser zur Verfügung stellte... Vielleicht steht der heute noch da... Wir haben auf jeden Fall einen Spülkasten dann selbst repariert, aber für den Rest des Tages und damit unseren Aufenthalt alles versucht, um möglichst wenig auf diese Nass-Gemächer angewiesen zu sein... Denn nach einer Spülung gab es ja wohl auch fortan keine Möglichkeit mehr, den Befehl "Wasser Marsch" in die Tat umzusetzen...

Meine Frau gesellt sich zu uns und mag nun gar etwas essen. Unsere Verdauungs-Organe scheinen tatsächlich vollzählig in der Mongolei angekommen zu sein und sich auch schon ein wenig assimiliert zu haben!

Um halb eins werden wir von Onos Bruder abgeholt und fahren zu den Eltern. Wir halten bei einem Wohnblock, der einen nicht besonders stattlichen Eindruck macht...

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Wir steigen durch ein dunkles, ein bisschen versifftes, schmutziges Treppenhaus hoch in den dritten Stock, wo wir hinter der Wohnungstür eine saubere aber kleine Wohnung betreten. Das sind nun also die eineinhalb Zimmer, die Onos Eltern freien Willens gegen ein eigenes Haus eingetauscht haben. Auch wenn man sich auch ein Haus nicht so vorstellen soll wie bei uns, scheint das schwer verständlich. Onos Eltern leben hier mit einem Sohn und oft weiteren Hausgästen: Eine kleine Küche, ein Bad mit Dusche und ein etwa 20qm grosser Wohnraum, in dem an einer Wand eine Bettstatt, die auch Sofa ist, steht, an einer zweiten ein grösserer Tisch mit vier Stühlen, und unter dem Fenster in der Ecke der Fernseher mit DVD-Player. Letzteres kann man auch in einer Jurte oder einem einfachen Haus antreffen, nicht aber das fliessende Wasser und die Toilette im "western-style". Und das genügt offenbar, dass die Eltern sich wohler fühlen als zuvor...

Ich denke an mein Unwohlsein mit unserer sanitären Havarie im Camp und weiss, dass ich der Letzte bin, der da urteilen sollte...

Kaum sitzen wir auf dem Teppich, werden Süssigkeiten gereicht, Quarkprodukte, und natürlich gibt es sogleich wieder zu trinken. Ein sehr leckerer Cassis-Saft, Schlauwasser und Ingwer-Schnaps... Die Tassen und Gläser stapeln sich beinahe auf dem Boden, bis eine leckere Nudelsuppe mit reichlich Einlagen wirklich den Appetit anregt. Und die folgenden Buuts, Teigtaschen mit Hammelfleisch, sind sooo lecker! Nur, wohin damit?
Unterhaltung ist schwierig. Wir können eigentlich nur mit Thomas reden, wenn Ono nicht gerade übersetzen kann, und der Fernseher läuft auch hier ununterbrochen. Es wird zwischen Mongolischem Fernsehen und der Deutschen Welle hin und her gezappt. So sehen wir, wie die neue Statue von Chinggis Khaan auf dem Sukhbaatar-Platz in Ulaanbaatar eingeweiht wird und wie Klinsmanns Truppe vor dem Brandenburger Tor für Platz drei an der WM gefeiert wird. Wir erfahren, dass Italien im Elfmeterschiessen WM geworden ist.
Die Eltern packen Geschenke aus. Mutter bekommt ein Blutdruckmessgerät mit Digitalanzeige. Sehr praktisch, wenn die Bedienung klar ist und das Gerät genau nach Massgabe angewendet wird. Die Bedienungsanleitung in deutsch und englisch ist sicher umfassend - aber wird sie je gelesen? Taschenlampen mit Kurbelantrieb, also ohne Batterie, ein Wurfspiel für den Bruder, usw. usw. Und Süssigkeiten. Bonbons, Schokolade. Alles verschwindet nach und nach in der Küche, wo eifrig gehandwerkt wird. Die Familienmitglieder müssen sich da auf den Füssen rumstehen, denn nicht alle kriegen wir überhaupt zu Gesicht, bis es schliesslich plötzlich heisst: Aufbruch, aber hurtig!
Denn heute ist Naadamfest in Blumendorf, und das ist der grösste Feiertag des Jahres. Da tragen die Mongolen ihre liebsten Wettkämpfe aus, und wir kommen gerade recht, um direkt auf der Ziellinie den Einlauf der Sieger im Pferderennen zu verfolgen. Der Sieger ist ein Knabe (oder ein Mädchen?) von höchstens acht Jahren, vielleicht auch nur sechs, und er oder sie hat 20 km Galopp ohne Sattel hinter sich... Jedes Gramm Gewicht wird gespart.

Ein Bild der ersten Verfolger:

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Jetzt geht es weiter ins Ringerstadion. Baktar lotst uns zielsicher auf die Haupttribüne,

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wo wir inmitten von Einheimischen Beobachtern

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Zeuge verschiedener Siegerehrungen werden. In Disziplinen wie Schach oder Volleyball geschieht das ohne viel Aufhebens. Anders sieht das aus, als die Reiter und ihre Pferde, sie vor allem, geehrt werden.

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Prächtige Schleifen werden umgehängt, Hüte aufgesetzt, auf die Stärke und Erhabenheit der Pferde gesungen und Kumis über die Mähne geträufelt.
Kumis ist auch hier allgegenwärtig und Teil jeder Zeremonie.
Dann beginnt der Ringerfinal. Die leichtere Klasse (oder der Nachwuchs?) ist fertig, bevor alle richtig hingucken. Ein sauberer Schulterwurf, das kann ich gerade noch erkennen.

Dann aber stehen sich die wirklich Bösen im Rund gegenüber. Etwas ungleich die Grössenverhältnisse, was mich orakeln lässt, dass der Kleinere gewinnen wird, weil der Grössere über die eigenen Füsse stolpern werde. Sie belauern sich gegenseitig, immer begleitet von ihren Sekundanten und einem Kampfrichter, aber es scheint um so viel zu gehen, dass keiner das kleinste Risiko eingehen will.

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Es ist so schnell vorbei: Für eine Niederlage genügt es, als Erster den Boden mit einem anderen Körperteil als den Fusssohlen zu berühren.
Schliesslich werden die beiden nicht gar so kampfwilligen Widersacher gezwungen, sich enger an den Hosen zu packen. Jetzt erinnert mich die Ausgangslage schon fast an ein eidgenössisches Schwingfest, auch wenn der Samt hier schon viel kleidsamer ist als das spröde Sackleinen in unseren heimischen Gefilden. Wir Schweizer waren eben schon immer kokett in unserer bewusst unprätentiösen Affiche.
Unten auf dem Platz aber kommt der Kleinere fast nicht zum Greifen in die Grundstellung, so viel geringer sind seine Hebel... und dann, ja dann passiert es: Der Grosse greift an. Weil es kurz geregnet hat, ist das Gras nass. Seine Schritte sind schnell. Zu explosiv. Der rechte Fuss rutscht leicht weg und der Kleine Schlaumeier drückt nach und Schwupps liegt der Riese auf den Knien. Aus!
Der Sieger kommt kaum dazu, mit ausgebreiteten Armen in Zeitlupe den Adlertanz um eine Standarte auszuführen, denn schon drängen die Zuschauer zu hunderten auf den Platz. Kein Applaus, kein lautes Rufen begleitet den Sieg. Ein Gemurmel aber kommt auf, schwillt an zu einem Brodeln sich verdichtend. Die Menschen versuchen, den Ringer zu berühren. Etwas Schweiss von ihm abzuwischen bringt Glück.
Während dessen tanzt der Unterlegene verloren und vergessen um die Standarte, damit der Tradition die Ehre erweisend, dabei aber mit dem gleichen Phänomen konfrontiert wie viele Leidensgenossen mit ihm auf der ganzen Welt: The Winner takes it all...
Dann kommen die Protagonisten auf die Tribüne, der Sieger zuerst. Der scheinbar so Kleine ist aus der Nähe betrachtet ein Modellathlet,

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in dessen Begleitung ich mich um Mitternacht in jede Strasse trauen würde!

Wir schlendern danach noch ein bisschen durch das Jurtenlager, in dem aus jedem Ger Rauchschwaden ziehen. Überall werden Esswaren zubereitet und feilgeboten. Baktar sucht Kuschur, Hammelfleisch in frittierten Teig gepackt, aber er muss lange suchen und die Exemplare, die er schliesslich ergattert, scheinen mit den letzten Krümeln des allerletzten Hammels ausgekommen sein zu müssen...

Wir gehen einkaufen, und unsere Frauen finden sich immer besser zurecht. Die Technik des Einkaufens will gelernt sein. Einkaufen ab Liste oder spontan im Laden? Damit nicht jede Zutat im Laden neu diskutiert wird und jeder Entscheid fünfmal umgestossen und dann doch wieder umgesetzt wird, ist so eine Liste doch ganz praktisch. Ono sorgt dann dafür, dass uns im Laden kein überraschendes Angebot durch die Lappen geht.

Dann heisst es ein erstes Mal Abschied nehmen. Morgen werden wir nur noch rasch vorbeifahren zum Händeschütteln... Eltern und Bruder und Sanah werden geherzt. Was für uns eine schöne Begegnung abschliesst, ist für die Schwestern eine Trennung auf unbestimmte Zeit...

Im Camp zwingen wir uns zur grossen Auslegeordnung. Es gilt, all die Esswaren so zu verstauen, dass sie schüttelresistent verpackt sind und dennoch leicht und logisch wieder gefunden werden können. Eine nicht zu unterschätzende, aber sehr wichtige Aufgabe, wie uns die ersten drei Tage schon gelehrt haben. Das Speiseöl füllen wir in kleine Petflaschen, die um Einiges bessere Verschlüsse haben als die Originalflasche...

Vor dem Einschlafen läuft der Tag nochmals wie ein Film vor mir ab, und ich nehme mir sehr ernsthaft vor, ab morgen auch mit der Kamera präsenter zu sein. Zum ersten Mal fotografiere ich sowohl digital wie analog (Dias), und ich habe den Ausgleich noch nicht gefunden. Das switchen zwischen den beiden Kameras, einer Canon EOS 3 und einer Canon EOS 350D ist gar nicht so leicht. Handling und Feeling sind doch sehr unterschiedlich. Schöne Probleme sind das, denke ich, und schlafe entspannt ein.

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11.9.06 16:43


TAG 5 (11. JULI 2006): BEI CHUULUT SUM

sms-nachricht vom 11.07.06;

11.7.2006

Schütteltour, die sich lohnt / Zeltaufbau unter Nomadenaufsicht / Yakmelken / von der Weide in die Milchkanne / UNO-Spiel international

 

Nacherzählung vom 24.09.06; 

Die Nacht ist recht kühl. Zum ersten Mal fallen mir auch die zum Teil dicken schwarzen Käfer auf, die in der Nacht die Jurte bevölkern. Sie sind allerdings harmlos und stören mich nicht, nachdem ich das Geräusch einordnen lerne, das entsteht, wenn sie sich von der Decke zu Boden fallen lassen...

Am Morgen ist von unseren Freunden lange nichts zu sehen. Ich wecke sie schliesslich. Thomas hat verschlafen, den Arm mit der Uhr tief im Schlafsack vergraben... Und da natürlich kein Feuer gemacht wurde, wie es sonst üblich ist in Jurtencamps, wurden sie nicht geweckt. Das Personal in diesem Camp ist wirklich ein Problem...

Die heutige Etappe ist noch recht kurz, denn wir nehmen Onos Schwester mit, die zurück zu ihrer Familie fährt. Dort werden wir natürlich nochmals halten und den Nachmittag und Abend verbringen.

Wir nehmen also endgültig Abschied von Onos Mutter und Bruder. Sie besprengt den Wagen beim Abfahren in der Tradition der Nomaden mit Milch und die besten Wünsche werden von einem letzten Winken begleitet, bevor wir um die Kurve biegen und endgültig aufgebrochen sind zur grossen Reise.

Ja, die Strecke ist für heute nicht so weit, aber es schüttelt uns mächtig durch. Ono und ihre Schwester teilen sich den Beifahrer-Sozius, und wir nehmen die deutsche Eiche Thomas hinten in die Mitte. Während er mit mangelnder Kopffreiheit kämpft, ist mein Problem eher die Unterlage. Der abklappbare Seitensitz an der Tür ist mehr ein Notsitz, der leicht hin und her gleitet, und durch die Erschütterungen schlägt es mich eh immer mal wieder gegen die Seitenleiste oder ich knalle mit dem Kopf gegen das Fenster. Obwohl ich gut geschlafen habe, werde ich nämlich bald schläfrig, und das wird dann durch die Schwerkraft bestraft. Angewandte Physik ist manchmal schmerzhaft... Wie es beim Aufenthalt in einem Schüttelbecher überhaupt möglich ist, einzuschlafen, werde ich auch nach weiteren zwanzig Jahren Fernreisen niemals endgültig geklärt haben. Aber ich schaffe das locker. Es ist eine meiner leichtesten Übungen.

Ich erzähle solche Dinge, weil auch bildlich gemacht werden soll, dass die Schönheiten der Natur eben auch verdient werden müssen - aber man kann ihnen auch entsprechend gründlich näher kommen...

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Image Hosted by ImageShack.usEine recht typische kleine Siedlung an einer Brücke.

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Am frühen Nachmittag sind wir da. Ein paar Jurten auf der Ebene, umgeben von grünen Hügelzügen - die Sommerfrische für drei Familien, die sich den Platz teilen. Der Himmel ist verhangen, aber es regnet nicht. Wir werden sowieso zuerst ins Ger gebeten und bewirtet.

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Ich koste zum ersten Mal den süssen Milchrahm, der - auf gebackenen Brotteig geschmiert - einfach köstlich ist. Die Milchwirtschaft ist nicht zu übersehen: Überall in der Jurte stehen die Produkte herum, zum Trocknen oder Lagern oder in Erwartung der nächsten Verarbeitungsschritte.

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Jeder Platz wird genutzt, während sich zusätzlich die Menschen in der Jurte drängen. Wenn jemand zu Besuch ist, will das begutachtet sein...

Dann heisst es, die Zelte aufstellen. Dass ich Grossstädter zum ersten Mal seit längerem mein Zelt ausgerechnet vor Nomaden aufstellen soll, bereitet mir ein gewisses Unbehagen. Im Geist sehe ich mich bereits irgend welchen neugierigen Dreikäsehochs, die um mich herumwuseln, die Zeltstangen in die Augen pieksen, während ich mich gleichzeitig in den Zeltschnüren verheddere und selbst erwürge, was mir dann nur recht geschehen würde.

Aber nichts dergleichen geschieht. Die Mongolen haben durchaus Sinn für die Errungenschaften westlicher Trekking-Ausrüstungen und begutachten uns und unsere Ausrüstung mit fachlichem Interesse. Dazu kommen ein paar hilfreiche Hände und schon sehr schnell stehen unsere Zelte stramm. Mehr oder weniger auf jeden Fall.

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Und dann sind unsere Gastgeber samt Kinderschar auch ganz schnell verschwunden und gehen ihrem Tagwerk nach, so dass wir uns in aller Ruhe einrichten können.

Beinahe hätten wir es gar nicht mitbekommen. Onos Schwester spendet uns ein Schaf und lädt die Familie zum Festmahl ein. Wir sollen in den Genuss einer der berühmtesten Gerichte der Mongolen kommen, dem Schaf in der Milchkanne.

Dazu gehört, dass das Tier erst einmal geschlachtet werden muss. Meine Frau und ich sind seit einigen Jahren schon Vegetarier, aber nicht, weil wir grundsätzlich dagegen sind, dass Lebewesen zu unserem Verzehr getötet werden oder aus religiösen oder anderen ethischen Gründen. Sondern weil unser Umgang im Westen mit Nutztieren diese von Lebewesen zu Produktionsfaktoren gemacht hat. Das Problem ist die Industrialisierung der Fleischgewinnung, durch das Gewinnstreben der Wirtschaft begünstigt, durch den hohen Fleischkonsum vielleicht notwendig gemacht - in jedem Fall aber wider die Natur des Tieres, und damit meinen wir nicht die Schlachtung für sich, oder nicht nur - sondern vor allem das Leben davor.

Hier aber sind wir in einer Welt zu Gast, in der ohne das Nutzen der Tiere kein Überleben für Menschen möglich wäre. Und weil das so ist, gehen eben diese Menschen auch schon anders mit ihren Tieren um. Dafür ist auch die Schlachtung ein Beispiel, von dem wir hier erzählen. Wir haben dabei vor allem auch das Ausnehmen des Tieres, also die Verwertung, ausführlich fotografiert - weil wir im Westen völlig das Gefühl dafür verloren haben. Wir wollen nichts davon sehen. Der blutige Job des Metzgers gehört hinter verschlossene Schlachthaustüren. Hier aber ist die Kunst, ein Tier schnell und damit ohne Stress für das Tier zu schlachten und es optimal auszunehmen, hoch geachtet, und längst nicht jeder beherrscht dieses Handwerk. Wir haben den Vorgang als äusserst hygienisch erlebt, durchaus mit Ehrfurcht vollzogen und als Teil eines Festes, das den Konsum eines Schafes eben nicht zum Alltäglichen und Selbstverständlichen macht, sondern zum Festakt wie in biblischen Zeiten. Trotzdem will ich meine persönliche Deutung dieser Bilder nicht allgemein verbindlich machen, weshalb ich die Bildfolge auf eine separate Seite stelle. Wer will, kann sie dort ansehen, wer nicht, soll es gerne bleiben lassen. Wer ein blutiges Spektakel erwartet, wird allerdings in jedem Fall enttäuscht werden.

Die Tötung des Schafes soll möglichst stressfrei geschehen. Dafür wird ein feiner kurzer Schnitt in die Bauchdecke gesetzt, durch die nach einer Hauptschlagader getastet, die dann durchtrennt wird. Dadurch wird die Blutzufuhr im Gehirn unterbunden und das Schaf verliert innert kürzester Zeit das Bewusstsein.

Das Aufbrechen und Ausnehmen des Tieres ist Schwerstarbeit, bei der zuerst das Fell vom Tier abgelöst wird, was eine äusserst anstrengende Arbeit ist. Erstaunlich, wie hygienisch sauber alles abläuft. Das Fell bleibt ausgebreitet auf dem Boden liegen und dient als Decke auf der das Tier geöffnet wird. Die Frauen kümmern sich um Magen und Därme und waschen diese aus - denn aus ihnen werden Häute für Würste und zur Bevorratung. Vom Tier wird alles verwertet, bis auf die Hufe und Teile des Kopfes. Für Verschwendung ist kein Platz.

Ono kocht danach Salzfleisch für unsere Reise: Eingesalzen ist das Fleisch gut haltbar. Vorne köcheln Teile der Innereien.

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In der Vorratshütte ist die Milchkanne vorbereitet worden: Im Feuer siedend heiss gemachte Steine werden eingeschichtet, darauf kommt eine Lage Fleisch, dann wieder Steine, usw., durchsetzt mit Kartoffeln und Gemüse, so weit vorhanden.

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Draussen bleibt das Wetter wechselhaft. Immerhin beginnt es nie zu regnen, obwohl es sehr wohl danach aussieht...l


Für uns ist es Zeit, in die hohe Kunst der nomadischen Yak-Milchwirtschaft eingeführt zu werden.

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Nicht nur ich bin da skeptisch...
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Thinkabouts Wife bekommt einen schönen Del geliehen. Dann heisst es, sich sorgfältig die Hände zu waschen (jawohl, davor!), und dann geht es auch schon los. Ich lache dabei nicht. Nicht aus Höflichkeit, sondern aus weiser Vorsicht. Es stellt sich nämlich für uns beide heraus, dass es gar nicht so einfach ist.

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Bei meiner Grösse beginnt das Problem schon damit, wie ich überhaupt auf dem Schemelchen mit dem Eimerchen zwischen den Knien unter das Tier komme...

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Von den Tieren lerne ich Gleichmut, aber das ist auch fast schon alles. Mit rechts klappts ganz gut, aber mit links geht fast gar nichts. Die Zitzen sind sehr weich und warm, und wenn die Milch tatsächlich in den Eimer schiesst, dann bekomme ich zumindest eine Ahnung davon, was für ein Segen dies ist. Auch wenn die Tiere hier pro Melkgang wohl höchstens einen Liter Milch geben. Der Rest gehört den Kälbern und Rindern, die schon vor dem Melken kurz zur Mutter gelassen werden, um den Milchfluss anzuregen.

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Danach sägen und hacken wir Holz, um uns wirklich etwas nützlich zu machen, und der Schweiss rinnt uns schon bald übers Gesicht während die Sägespäne in den Augenwinkeln hängen bleiben.

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Das Ergebnis der letzten Schafschur.

Bald darauf, es ist noch lange hell, die Sonne geht erst in Stunden unter, ist es Zeit zum Essen. Was unsere Gaumen nun vorgesetzt bekommen, ist der beste Schmaus seit langem. Unglaublich. Ich habe noch nie eine solche Leber gegessen. Sie zerfliesst fast auf der Zunge. Der Geschmack des Fleisches ist mild und würzig, herrlich. Und das im Fleischsaft gegorene Gemüse lässt sich noch Minuten später auf der Zunge schmecken.

Zum Schluss gibt's mit dem abgeschöpften Saft eine würzige Suppe, die kein Kräuterspezialist der Welt so hinbrächte, und dann werden die Steine heraus genommen und rumgereicht. Die sind noch richtig heiss, und man tut gut daran, sie schnell von links nach rechts zu legen und zurück, weil man sich sonst die Hände verbrennt. Zumindest wir Ungeübten. Die Stimmung ist fröhlich, das Gelächter gross - aber auch die Zufriedenheit in allen Gesichtern, weil es uns wirklich keine Mühe macht, ehrliche Begeisterung zu zeigen.

Dass es davon keine Bilder gibt? Tja, tut mir leid. Der Magen lag mir näher... Und mit fettigen Fingern die Kamera bedienen...

Dann besprechen wir kurz die Route für morgen. Ono und Baktar lassen sich beraten, denn diese Menschen kennen diese Gegend wie ich meine Hosentasche. Oder besser. Dann wird der Vodka in einem winzigen Glas herum gereicht. Wir trinken bedächtig, denn es heisst, sich zu konzentrieren. Thomas hat das bei uns beliebte Kartenspiel UNO mitgebracht als Geschenk, und wir erklären es in der Runde.

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Obwohl Ono übersetzen kann, stellen wir uns das zu Anfang recht schwierig vor, aber denkste.

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Nach zwei Proberunden mit offenen Karten haben sie genug. Jetzt will Jung und Alt "richtig" spielen.

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Die Stimmung ist ausgelassen, und es ist herrlich, im Spiel diesen Menschen auf gleicher Ebene zu begegnen: Die Sprache spielt keine Rolle mehr.

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Trotzdem erkläre ich, dass wir das jetzt so lange spielen werden, bis ich einmal gewinne. Grosses Gelächter. Wir sässen noch heute da, denke ich. Der Sieg blieb im Camp, jedes Mal. Nein, einmal hat Baktar unsere Ehre gerettet. Das Fest ufert nicht aus. So fliessend einfach und plötzlich, wie dieser schöne Abend begonnen hat, geht er auch zu Ende. Noch bevor die Dunkelheit nach halb elf in der Nacht herein bricht, ist Schlafenszeit. Das Tagwerk morgen beginnt für alle früh.

Wir haben etwas Sorge, was passiert, wenn wir nachts raus müssen. Die Familien haben junge Hunde, die recht aggressiv sind (Hunde gehören generell zu jeder Familie, und fährt man an einer Jurte vor, empfiehlt es sich, nicht auszusteigen, so lange man den Hund nicht gesehen hat und er sich friedlich zeigt). Man beruhigt uns. Sie bleiben in dieser Nacht angebunden.

Und dann liege ich zum ersten Mal unter der Plane des eigenen Zelts, meine Weggefährtin auf zwanzig Fernreisen neben mir. Dieser Tag war wunderbar, wenn er auch zu Anfang hart verdient werden musste. Höchst zufrieden suchen wir den Schlaf. Wir werden ihn nicht für die ganze Nacht finden...

24.9.06 15:11





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