Mongolei - Weite und Tiefe


  Startseite
  Über...
  Archiv
  Schaf in die Milchkanne
  Bild des Tages
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 



  Links
   Nachdenklich
   Fotocommunity



http://myblog.de/mongolei

Gratis bloggen bei
myblog.de






3. Tag (9. Juli 2006): Ogiy-See - Tsetserleg



Eintrag per sms:09.07.06, morgens

Morgenlicht bescheint ein leuchtend grünes Paradies / Freiheit der Pferde / Geiermahl / Salatöl am falschen Ort / Heimkehr bei Verwandten
9.7.06 20:31

verlinken


bisher 1 Kommentar(e) TrackBack-URL


rielei / Website (13.7.06 14:43)
dann sind die Gummibärli ja gut angekommen;-)

Nacherzählung laut Reisetagebuch:

Am Morgen erwache ich und halte einen Moment inne, ob ich am Ende durch mein eigenes Schnarchen geweckt worden bin? Aber sowohl meine wie alle anderen Atmungsorgane tun geräuschlos ihren Dienst. Wir drängen ins Freie, denn dahin lockt uns die Morgensonne, auch wenn der eine oder andere noch recht verschlafen in den Tag blinzeln mag.

Image Hosted by ImageShack.us

Es liegt eine taube Stille über dem Camp, und tatsächlich betäubt mich der Unterschied der Farben: Was gestern unter rauhen Wolken grau und dunkel vor uns lag, strahlt nun in hellstem Licht die pure Lebensfreude aus.
Obwohl unsere eigene hölzerne Jurte wenig mit der Behaglichkeit eines echten Gers zu tun hat, und schon gar nichts mit der Prachtjurte, die in diesem Camp besichtigt werden kann,

Image Hosted by ImageShack.us

Image Hosted by ImageShack.us

Image Hosted by ImageShack.us

frühstücken wir mit Genuss und machen uns auf den für hiesige Verhältnisse kurzen Weg nach Tsetserleg.

Im warmen Sonnenlicht ist der Ogiy-See tiefblau, und die saftig grünen Weiden versprechen reiches Futter.

Image Hosted by ImageShack.us

Tatsächlich sehen wir zahlreiche grosse Herden mit Schafen und Ziegen. mehr als genug Nahrung. Wir halten an einem Ausläufer des Sees an, und Thomas bringt ein erstes Mal sein Spektivin Stellung, um die Vögel zu beobachten. Plötzlich ein Rauschen und Brodeln hinter mir, das links an meiner Schulter am Abhang zu einem Trommeln wird, und schon prescht eine grosse Pferdeherde dicht an mir vorbei zum Wasser. Die Tiere drängen mit Macht zur Tränke, und es wäre keine gute Idee, sie aufhalten zu wollen.

Image Hosted by ImageShack.us

Warum auch? Diese Kraft, diese fliessenden und eleganten Bewegungen zu sehen, sie gar körperlich zu spüren, ist ein wunderbares Erlebnis, ein Sinnbild für lustvoll gelebte, nicht unterdrückte Freiheit. Alle diese Tiere sind domestiziert, aber die Menschen leben mit ihnen, statt umgekehrt. Werden sie gebraucht, so holt man sie von der Weide, ohne Strecke und Zeit dafür zu scheuen.

Wenig später scheuchen wir eine Schar Geier auf, die sich an einem Pferdekadaver nieder gelassen haben. Auch sie sind grösser, als wir sie in Erinnerung haben. Überhaupt scheint ein Mehr die Reise zu prägen. Im Vergleich mit 2002 gibt es mehr Regen, mehr Nahrung, mehr kräftige Tiere. Aber der Tod bleibt real, und jede sattgrüne Woche ist keine Garantie für das Überstehen des Winters. Ich vermute mal, dass sich 2002 die Tierbestande erst allmählich vom katastrophalen Winter 2000/2001 erholten, als ein schlimmer Zud zu einem Massensterben der Tiere führte.

Die Fahrt nach Tsetserleg sollte eigentlich nur drei Stunden dauern, aber wir haben unterwegs ein kleines Malheur zu beheben: Eine kleine Böschung fährt Baktar etwas zu heftig an, so dass die Kochkiste sich rumpelnd und scheppernd aus dem Kistenverbund hebt, so wir sie dann überhaupt genügend befestigt hatten, und sich kopfüber entleert. Kaputt geht nix, und das Besteck sammeln wir einzeln zwischen den Taschen wieder ein. Leider war die Kiste auch Heimat des Salatöls, und diese Flasche ist leck, so dass wir eine tolle Sauerei aufzukleckern haben und dafür bei mässigem Erfolg eine ganze Menge Klopapier zweckentfremden. Das Öl ist auch in sämtliche Gummidichtungen der Hecktüre gedrungen, und das hinein gestopfte WC-Papier bekränzt die Bescherung mehr, als dass es sie beseitigt...

In Tsetserleg angekommen, fahren wir direkt zum örtlichen Touristencamp, in dem uns Onos Eltern Plätze reserviert haben. Restaurant und Karaoke-Bar (!) sind in einem rund gemauerten Gebäude untergebracht. Jurten und Einrichtungen sehen gepflegt aus und laden dazu ein, sich zu erfrischen, denn in einer knappen Stunde soll das Familienfest beginnen, mit dem Onos Eltern samt Familie die Heirat mit Thomas feiern wollen.

Als wir die Dusche ausfindig machen wollen, stossen wir in diesem an sich fast neuen Gebäude auf ein Phänomen: Die Türen zu Waschräumen und Duschen, so es sie denn geben mag, sind verschlossen. Hinter einer massiven, abgeschlossenen Tür hören wir Ono duschen, und ich würde gern von ihr erfahren, wo sich denn ihr grosses Pferd für das gleiche Tun hin vergaloppiert hat. Das kann sie mir allerdings so unzureichend beschreiben, dass ich ihn nicht finde. Das Duschwasser aber plätschert so angenehm im Gehör, dass das, was ich zu sehen kriege, um so mehr ein Hohn und eine Absurdität für mich ist: Die westlichen Toiletten sind entweder abmontiert, oder der Spülkasten ist zersplittert, und sämtliche Leitungen sind abgeriegelt.
Im Vorraum an zwei Waschbecken öffnen wir die Hahnen, mit dem Ergebnis, dass wir schliesslich vor trockenen Ausgüssen mit den Füssen im Wasser stehen. Die einzige Leitung mit Wasser ist leck und kleckert das kostbare Nass auf den Boden...

Wir behelfen uns also mit Mineralwasser und ziehen ziemlich fassungslos ob dieser Panne zurück in die Jurte, um uns umzuziehen, Zeit um auf Onos Ende der Körperpflege zu warten, ist nicht, und drängen wollen wir sie auch nicht. Immerhin ist sie ja die Hauptperson des Anlasses und soll ihre Ruhe dafür haben.
Selten habe ich so absurd erfahren, wie sehr eine an sich funktionierende Infrastruktur vergammelt, weil Gleichgültigkeit und fehlendes Engagement des Personals so wunderbar zu den Widerwärtigkeiten und der Mühsal der Wartung passen... Und es wird noch absurder werden...

Thomas und Ono haben letztes Jahr fernab der Mongolei, in der Nähe von Dortmund, geheiratet, und dies ist der Moment für die Familie, einen genaueren Blick auf Thomas, den grossen Deutschen ( "er ist gross wie ein Pferd" ) werfen zu können.

Als wir den Speisesaal des Rondells betreten, sitzen einheimische Gäste in versprengten Grüppchen verloren im Raum herum, kleben zum Teil an den Wänden wie Schafe, die nicht zusammen getrieben werden wollen. Das wird sich schon geben, denke ich, und beweise damit Weitblick, wie sich zeigen wird. Wir steuern Thomas an, um ihm allenfalls benötigen moralischen Support zu geben. Er scheint das allerdings ziemlich gelassen zu nehmen, obwohl er keinen blassen Schimmer hat, was ihn erwarten mag. Wir vertreiben uns die Zeit mit einer Aufzeichnung im Fernsehen vom WM-Fussball-Spiel Deutschland gegen Portugal. Soviel wir begreifen, führt Deutschland 2:0.

23.8.06 16:36
 


bisher 5 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Strandsteine (24.8.06 00:06)
Lieber Thinkabout,
Deine Schilderung ist sehr lebensnah.
Da hast Du uns einen tiefen Einblick gewährt.
Die Bilder faszinieren mich,
dazu habe ich eine Frage:
sind die Farben der Naturbilder real ?

Und wird diese kostbare Jurte bewohnt,
oder ist es mehr ein Museum ?
die neugierigen, begeisterten Steine


Thinkabout (24.8.06 04:20)
@Strandsteine: Ja, die Farben sind absolut real, sogar etwas aufgehellt für die bessere Betrachtung im Internet. Die Jurte ist allerdings nur Ausstellungsstück, in der man sich auf Wunsch in traditioneller Tracht noch fotografieren lassen kann.


Tina (26.8.06 10:23)
Die Bilder der Prachtjurte spiegeln ja wirklich einen beeindruckenden Luxus, der mit der Realität vermutlich wenig zu tun hat....Aber um die Kultur zu verstehen, bestimmt eine wertvolle Einrichtung. Eher so wie unsere Museen zu verstehen, oder?

Die Karaoke-Bar :-)...Gesangsdarbietungen stehen ja in der Mongolei hoch im Kurs, verriet mir ein während Eures Urlaubs gesendeter Dokumentarfilm. Habt Ihr auch einmal als Gast ein Lied vorgetragen? Ist den Mongolen unsere Musikrichtung genauso fremd, wie umgekehrt, oder haben sie sich bereits auf unsere Melodien eingestimmt?

Auf dem Bild mit der weiten Landschaft und den Schäfchenwolken sehen die beiden Farbtupfer (rot und blau) ja aus, wie reingemalt

Wie @Strandsteine bereits bemerkt hat: sehr lebensnahe Schilderung, auch die Panne mit dem Salatöl (jetzt kann man sich auch die Schmerzen im Hintern erklären *fg*) und der maroden sanitären Einrichtung....


Strandsteine (26.8.06 13:42)
@ Liebe Tina,
bei der Hochzeitsfeier werden Thinkabouts bestimmt aus der Tradition herraus ein Lied geschmettert haben........ ...
spätendens nach dem Genuss des Schlauwassers

die schmunzelnden Steine


Tina (26.8.06 17:42)
@Strandsteine
Na dann spekulieren wir doch einfach mal ein bißchen....
Also "Wenn wir erklimmen" oder "Muß i denn" war sicher nicht das Passende zur Hochzeitsfeier.....

Ich tippe drauf, daß die gewissenhaften Schweizer zuhause schon mal den Kanon "Viel Glück und viel Segen" einstudiert haben. Damit macht man ja nie was verkehrt, und bei einem Kanon weißt Du eh nie: gehört das jetzt so schräg oder singt einer falsch...

Die Wikipedia meint, in der Alpengegend sei der Naturjodler vorherrschend. Das kann ich mir aber noch nicht mal nach dem enthemmenden Schlauwasser vorstellen....

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung