Mongolei - Weite und Tiefe


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TAG 5 (11. JULI 2006): BEI CHUULUT SUM

sms-nachricht vom 11.07.06;

11.7.2006

Schütteltour, die sich lohnt / Zeltaufbau unter Nomadenaufsicht / Yakmelken / von der Weide in die Milchkanne / UNO-Spiel international

 

Nacherzählung vom 24.09.06; 

Die Nacht ist recht kühl. Zum ersten Mal fallen mir auch die zum Teil dicken schwarzen Käfer auf, die in der Nacht die Jurte bevölkern. Sie sind allerdings harmlos und stören mich nicht, nachdem ich das Geräusch einordnen lerne, das entsteht, wenn sie sich von der Decke zu Boden fallen lassen...

Am Morgen ist von unseren Freunden lange nichts zu sehen. Ich wecke sie schliesslich. Thomas hat verschlafen, den Arm mit der Uhr tief im Schlafsack vergraben... Und da natürlich kein Feuer gemacht wurde, wie es sonst üblich ist in Jurtencamps, wurden sie nicht geweckt. Das Personal in diesem Camp ist wirklich ein Problem...

Die heutige Etappe ist noch recht kurz, denn wir nehmen Onos Schwester mit, die zurück zu ihrer Familie fährt. Dort werden wir natürlich nochmals halten und den Nachmittag und Abend verbringen.

Wir nehmen also endgültig Abschied von Onos Mutter und Bruder. Sie besprengt den Wagen beim Abfahren in der Tradition der Nomaden mit Milch und die besten Wünsche werden von einem letzten Winken begleitet, bevor wir um die Kurve biegen und endgültig aufgebrochen sind zur grossen Reise.

Ja, die Strecke ist für heute nicht so weit, aber es schüttelt uns mächtig durch. Ono und ihre Schwester teilen sich den Beifahrer-Sozius, und wir nehmen die deutsche Eiche Thomas hinten in die Mitte. Während er mit mangelnder Kopffreiheit kämpft, ist mein Problem eher die Unterlage. Der abklappbare Seitensitz an der Tür ist mehr ein Notsitz, der leicht hin und her gleitet, und durch die Erschütterungen schlägt es mich eh immer mal wieder gegen die Seitenleiste oder ich knalle mit dem Kopf gegen das Fenster. Obwohl ich gut geschlafen habe, werde ich nämlich bald schläfrig, und das wird dann durch die Schwerkraft bestraft. Angewandte Physik ist manchmal schmerzhaft... Wie es beim Aufenthalt in einem Schüttelbecher überhaupt möglich ist, einzuschlafen, werde ich auch nach weiteren zwanzig Jahren Fernreisen niemals endgültig geklärt haben. Aber ich schaffe das locker. Es ist eine meiner leichtesten Übungen.

Ich erzähle solche Dinge, weil auch bildlich gemacht werden soll, dass die Schönheiten der Natur eben auch verdient werden müssen - aber man kann ihnen auch entsprechend gründlich näher kommen...

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Image Hosted by ImageShack.usEine recht typische kleine Siedlung an einer Brücke.

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Am frühen Nachmittag sind wir da. Ein paar Jurten auf der Ebene, umgeben von grünen Hügelzügen - die Sommerfrische für drei Familien, die sich den Platz teilen. Der Himmel ist verhangen, aber es regnet nicht. Wir werden sowieso zuerst ins Ger gebeten und bewirtet.

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Ich koste zum ersten Mal den süssen Milchrahm, der - auf gebackenen Brotteig geschmiert - einfach köstlich ist. Die Milchwirtschaft ist nicht zu übersehen: Überall in der Jurte stehen die Produkte herum, zum Trocknen oder Lagern oder in Erwartung der nächsten Verarbeitungsschritte.

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Jeder Platz wird genutzt, während sich zusätzlich die Menschen in der Jurte drängen. Wenn jemand zu Besuch ist, will das begutachtet sein...

Dann heisst es, die Zelte aufstellen. Dass ich Grossstädter zum ersten Mal seit längerem mein Zelt ausgerechnet vor Nomaden aufstellen soll, bereitet mir ein gewisses Unbehagen. Im Geist sehe ich mich bereits irgend welchen neugierigen Dreikäsehochs, die um mich herumwuseln, die Zeltstangen in die Augen pieksen, während ich mich gleichzeitig in den Zeltschnüren verheddere und selbst erwürge, was mir dann nur recht geschehen würde.

Aber nichts dergleichen geschieht. Die Mongolen haben durchaus Sinn für die Errungenschaften westlicher Trekking-Ausrüstungen und begutachten uns und unsere Ausrüstung mit fachlichem Interesse. Dazu kommen ein paar hilfreiche Hände und schon sehr schnell stehen unsere Zelte stramm. Mehr oder weniger auf jeden Fall.

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Und dann sind unsere Gastgeber samt Kinderschar auch ganz schnell verschwunden und gehen ihrem Tagwerk nach, so dass wir uns in aller Ruhe einrichten können.

Beinahe hätten wir es gar nicht mitbekommen. Onos Schwester spendet uns ein Schaf und lädt die Familie zum Festmahl ein. Wir sollen in den Genuss einer der berühmtesten Gerichte der Mongolen kommen, dem Schaf in der Milchkanne.

Dazu gehört, dass das Tier erst einmal geschlachtet werden muss. Meine Frau und ich sind seit einigen Jahren schon Vegetarier, aber nicht, weil wir grundsätzlich dagegen sind, dass Lebewesen zu unserem Verzehr getötet werden oder aus religiösen oder anderen ethischen Gründen. Sondern weil unser Umgang im Westen mit Nutztieren diese von Lebewesen zu Produktionsfaktoren gemacht hat. Das Problem ist die Industrialisierung der Fleischgewinnung, durch das Gewinnstreben der Wirtschaft begünstigt, durch den hohen Fleischkonsum vielleicht notwendig gemacht - in jedem Fall aber wider die Natur des Tieres, und damit meinen wir nicht die Schlachtung für sich, oder nicht nur - sondern vor allem das Leben davor.

Hier aber sind wir in einer Welt zu Gast, in der ohne das Nutzen der Tiere kein Überleben für Menschen möglich wäre. Und weil das so ist, gehen eben diese Menschen auch schon anders mit ihren Tieren um. Dafür ist auch die Schlachtung ein Beispiel, von dem wir hier erzählen. Wir haben dabei vor allem auch das Ausnehmen des Tieres, also die Verwertung, ausführlich fotografiert - weil wir im Westen völlig das Gefühl dafür verloren haben. Wir wollen nichts davon sehen. Der blutige Job des Metzgers gehört hinter verschlossene Schlachthaustüren. Hier aber ist die Kunst, ein Tier schnell und damit ohne Stress für das Tier zu schlachten und es optimal auszunehmen, hoch geachtet, und längst nicht jeder beherrscht dieses Handwerk. Wir haben den Vorgang als äusserst hygienisch erlebt, durchaus mit Ehrfurcht vollzogen und als Teil eines Festes, das den Konsum eines Schafes eben nicht zum Alltäglichen und Selbstverständlichen macht, sondern zum Festakt wie in biblischen Zeiten. Trotzdem will ich meine persönliche Deutung dieser Bilder nicht allgemein verbindlich machen, weshalb ich die Bildfolge auf eine separate Seite stelle. Wer will, kann sie dort ansehen, wer nicht, soll es gerne bleiben lassen. Wer ein blutiges Spektakel erwartet, wird allerdings in jedem Fall enttäuscht werden.

Die Tötung des Schafes soll möglichst stressfrei geschehen. Dafür wird ein feiner kurzer Schnitt in die Bauchdecke gesetzt, durch die nach einer Hauptschlagader getastet, die dann durchtrennt wird. Dadurch wird die Blutzufuhr im Gehirn unterbunden und das Schaf verliert innert kürzester Zeit das Bewusstsein.

Das Aufbrechen und Ausnehmen des Tieres ist Schwerstarbeit, bei der zuerst das Fell vom Tier abgelöst wird, was eine äusserst anstrengende Arbeit ist. Erstaunlich, wie hygienisch sauber alles abläuft. Das Fell bleibt ausgebreitet auf dem Boden liegen und dient als Decke auf der das Tier geöffnet wird. Die Frauen kümmern sich um Magen und Därme und waschen diese aus - denn aus ihnen werden Häute für Würste und zur Bevorratung. Vom Tier wird alles verwertet, bis auf die Hufe und Teile des Kopfes. Für Verschwendung ist kein Platz.

Ono kocht danach Salzfleisch für unsere Reise: Eingesalzen ist das Fleisch gut haltbar. Vorne köcheln Teile der Innereien.

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In der Vorratshütte ist die Milchkanne vorbereitet worden: Im Feuer siedend heiss gemachte Steine werden eingeschichtet, darauf kommt eine Lage Fleisch, dann wieder Steine, usw., durchsetzt mit Kartoffeln und Gemüse, so weit vorhanden.

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Draussen bleibt das Wetter wechselhaft. Immerhin beginnt es nie zu regnen, obwohl es sehr wohl danach aussieht...l


Für uns ist es Zeit, in die hohe Kunst der nomadischen Yak-Milchwirtschaft eingeführt zu werden.

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Nicht nur ich bin da skeptisch...
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Thinkabouts Wife bekommt einen schönen Del geliehen. Dann heisst es, sich sorgfältig die Hände zu waschen (jawohl, davor!), und dann geht es auch schon los. Ich lache dabei nicht. Nicht aus Höflichkeit, sondern aus weiser Vorsicht. Es stellt sich nämlich für uns beide heraus, dass es gar nicht so einfach ist.

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Bei meiner Grösse beginnt das Problem schon damit, wie ich überhaupt auf dem Schemelchen mit dem Eimerchen zwischen den Knien unter das Tier komme...

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Von den Tieren lerne ich Gleichmut, aber das ist auch fast schon alles. Mit rechts klappts ganz gut, aber mit links geht fast gar nichts. Die Zitzen sind sehr weich und warm, und wenn die Milch tatsächlich in den Eimer schiesst, dann bekomme ich zumindest eine Ahnung davon, was für ein Segen dies ist. Auch wenn die Tiere hier pro Melkgang wohl höchstens einen Liter Milch geben. Der Rest gehört den Kälbern und Rindern, die schon vor dem Melken kurz zur Mutter gelassen werden, um den Milchfluss anzuregen.

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Danach sägen und hacken wir Holz, um uns wirklich etwas nützlich zu machen, und der Schweiss rinnt uns schon bald übers Gesicht während die Sägespäne in den Augenwinkeln hängen bleiben.

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Das Ergebnis der letzten Schafschur.

Bald darauf, es ist noch lange hell, die Sonne geht erst in Stunden unter, ist es Zeit zum Essen. Was unsere Gaumen nun vorgesetzt bekommen, ist der beste Schmaus seit langem. Unglaublich. Ich habe noch nie eine solche Leber gegessen. Sie zerfliesst fast auf der Zunge. Der Geschmack des Fleisches ist mild und würzig, herrlich. Und das im Fleischsaft gegorene Gemüse lässt sich noch Minuten später auf der Zunge schmecken.

Zum Schluss gibt's mit dem abgeschöpften Saft eine würzige Suppe, die kein Kräuterspezialist der Welt so hinbrächte, und dann werden die Steine heraus genommen und rumgereicht. Die sind noch richtig heiss, und man tut gut daran, sie schnell von links nach rechts zu legen und zurück, weil man sich sonst die Hände verbrennt. Zumindest wir Ungeübten. Die Stimmung ist fröhlich, das Gelächter gross - aber auch die Zufriedenheit in allen Gesichtern, weil es uns wirklich keine Mühe macht, ehrliche Begeisterung zu zeigen.

Dass es davon keine Bilder gibt? Tja, tut mir leid. Der Magen lag mir näher... Und mit fettigen Fingern die Kamera bedienen...

Dann besprechen wir kurz die Route für morgen. Ono und Baktar lassen sich beraten, denn diese Menschen kennen diese Gegend wie ich meine Hosentasche. Oder besser. Dann wird der Vodka in einem winzigen Glas herum gereicht. Wir trinken bedächtig, denn es heisst, sich zu konzentrieren. Thomas hat das bei uns beliebte Kartenspiel UNO mitgebracht als Geschenk, und wir erklären es in der Runde.

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Obwohl Ono übersetzen kann, stellen wir uns das zu Anfang recht schwierig vor, aber denkste.

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Nach zwei Proberunden mit offenen Karten haben sie genug. Jetzt will Jung und Alt "richtig" spielen.

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Die Stimmung ist ausgelassen, und es ist herrlich, im Spiel diesen Menschen auf gleicher Ebene zu begegnen: Die Sprache spielt keine Rolle mehr.

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Trotzdem erkläre ich, dass wir das jetzt so lange spielen werden, bis ich einmal gewinne. Grosses Gelächter. Wir sässen noch heute da, denke ich. Der Sieg blieb im Camp, jedes Mal. Nein, einmal hat Baktar unsere Ehre gerettet. Das Fest ufert nicht aus. So fliessend einfach und plötzlich, wie dieser schöne Abend begonnen hat, geht er auch zu Ende. Noch bevor die Dunkelheit nach halb elf in der Nacht herein bricht, ist Schlafenszeit. Das Tagwerk morgen beginnt für alle früh.

Wir haben etwas Sorge, was passiert, wenn wir nachts raus müssen. Die Familien haben junge Hunde, die recht aggressiv sind (Hunde gehören generell zu jeder Familie, und fährt man an einer Jurte vor, empfiehlt es sich, nicht auszusteigen, so lange man den Hund nicht gesehen hat und er sich friedlich zeigt). Man beruhigt uns. Sie bleiben in dieser Nacht angebunden.

Und dann liege ich zum ersten Mal unter der Plane des eigenen Zelts, meine Weggefährtin auf zwanzig Fernreisen neben mir. Dieser Tag war wunderbar, wenn er auch zu Anfang hart verdient werden musste. Höchst zufrieden suchen wir den Schlaf. Wir werden ihn nicht für die ganze Nacht finden...

24.9.06 15:11
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


rielei (26.9.06 15:30)
Spaßig finde ich ja eure Melkversuche und das fröhliche Kartenspiel Thinkabout.

Bei den nachtaktiven Käfern hätte ich mich sicherlich überall zu kratzen begonnen !!
Ob die Krabbel- und Falltierchen groß sind?

Bei den Bilder der Schafschlachtung war ich angenehm überascht!
Denke ich da an die Hasenschlachtungen in meiner Kindheit zurück ... .
Erst dachte ich, wieso sie das Schaf nicht, so wie es eben kenne, aufgehängt enthäuten und ausnehmen. Da fiel mir endlich ein, dass das an Zeltwänden wohl schlecht geht!

Mir gefällt es, dass du und deine Frau als Vegetarier doch dieses Fleischgericht genossen habt. Gerade weil du eure Gründe für das Nichtfleischessen so plausiebel erklärt hast.

Herzlichen Dank für alles und liebe Grüße
von Gabi

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